Was geschieht hier?
Vor langer Zeit erwählte Gott Israel als das Volk, durch das die ganze Welt den Segen und die lebensschaffende Kraft Gottes erfahren sollte. Wenn Israel auf seinen Gott hörte und seine Gebote befolgte, würde die ganze Welt nach Israel strömen – in der Hoffnung auf Gerechtigkeit und auf ein Zuhause bei ihrem Schöpfer. Doch Israel hat Gott, seine Gebote und seine Berufung in der Welt verworfen (Hesekiel 5,5-9). Darum sagt Gott dem Propheten Hesekiel, er solle öffentlich eine Reihe von Prophetien vorspielen, die genau schildern, wie Jerusalem wegen seiner Pflichtverweigerung und Bosheit belagert und ins Exil geführt wird. Zuerst zeichnet Hesekiel einen Plan von Jerusalem auf einen Ziegelstein. Dann greift er ihn mit winzigen Nachbildungen von Belagerungsrampen, Sturmböcken und Feindeslagern an (Hesekiel 4,1-2). Dieser Krieg im Miniaturformat versinnbildlicht, wie fremde Heere die wirkliche Stadt belagern werden. Anschließend stellt Hesekiel eine eiserne Platte zwischen sich und die belagerte Ziegelzeichnung (Hesekiel 4,3). Sie steht für die eiserne Mauer undurchdringlicher Streitkräfte, die sich schon bald gegen Israel aufstellen werden.
Dann folgt eine noch aufsehenerregendere Demonstration: Hesekiel wird mit Seilen gefesselt und liegt 390 Tage auf seiner linken Seite (Hesekiel 4,4-5). Danach dreht er sich um und liegt 40 Tage auf seiner rechten Seite (Hesekiel 4,6-8). Diese Tageszahlen weisen auf die vierzig Jahre des Murrens in der Wüste hin und auf die fast vier Jahrhunderte der Abgötterei im Nordreich Israel, während in Jerusalem der tempel Gottes stand. Danach führt Hesekiel vor Augen, welches Leid seinem Volk während der Belagerung Jerusalems bevorsteht. Er hungert sich langsam aus, mit minimalen Rationen an Brot und Wasser (Hesekiel 4,4-15). So wie Hesekiel von seinen Seilen gefesselt ist, werden die Einwohner Jerusalems in ihrer Stadt gefangen sein und während der kommenden babylonischen Belagerung hungern (Hesekiel 4,16-17).
Nachdem er die Belagerung vorgespielt hat, spielt Hesekiel das darauffolgende Exil seines Volkes vor. Er schneidet sich Haare und Bart mit einem Schwert ab. Dann verbrennt er einen Teil der Haare, schlägt darauf ein, verstreut sie und wickelt einen Rest in seinen Mantel ein (Hesekiel 5,1-4). Das brutale Ende von Hesekiels Barthaar versinnbildlicht, dass Jerusalem und seine Bewohner schon bald verbrannt, erschlagen und im Exil in alle Winde verstreut werden. Durch diese prophetischen Handlungen ist Hesekiel zu einem abgemagerten, grob geschorenen Häufchen Elend geworden. Sinnbildlich trug Hesekiel die Zerstörung und das Exil seines Volkes an seinem leidenden Körper. Weil Israel Gott, seine Gebote und seine Berufung verworfen hat, wird Jerusalem zerstört werden, und seine Bewohner werden belagert und ins Exil verschleppt (Hesekiel 5,10-17).
Wo ist das Evangelium?
Traurigerweise brachten Hesekiels sinnbildliche Darstellungen von Belagerung und Exil die Menschen in Israel nicht dazu, ihre Berufung wieder aufzunehmen oder Buße für ihr Böses zu tun. Das Leiden des Propheten konnte Jerusalems Zerstörung nur ankündigen, aber es konnte sein Volk nicht davor retten. Doch Gott würde einen anderen Propheten senden, der die kommende Zerstörung und das Exil seines Volkes nicht bloß sinnbildlich tragen, sondern wirklich wegtragen würde. Dieser Prophet ist kein anderer als Gott selbst, nämlich Jesus.
Jesus kam und kündigte eine neue Zerstörung an – und dass er selbst an der Stelle seines Volkes zerstört und ins Exil geschickt würde. So wie Hesekiel beim Vorspielen der Belagerung Jerusalems nur noch ein Schatten seiner selbst war, so wurde Jesus von römischen Soldaten zu einem geschlagenen, blutüberströmten Häufchen Elend gemacht. Sie nagelten ihn an ein Kreuz, wo er die Zerstörung und das Exil seines Volkes an seinem Körper trug (Markus 15,17-19.24). Doch anders als bei Hesekiel war Jesu Leiden nicht der Vorbote einer nationalen Katastrophe, sondern ein Zeichen für die kommende Zerstörung des Bösen, das Israel überhaupt erst dazu gebracht hatte, Gott und seine Gebote zu verwerfen. Hesekiels Leiden bedeutete, dass Zerstörung über sein Volk kommen würde; Jesu Leiden aber bedeutete, dass das Böse, das im Herzen seines Volkes wohnte, zerstört wurde (2. Korinther 5,21). Jesu prophetisches Werk endete nicht im Tod. Er ist aus dem Grab auferstanden, und in seiner Auferstehung kündete Jesu Körper eine neue Zukunft für sein Volk an. Wir können nun ein Volk werden, durch das die ganze Welt den Segen und die Auferstehungskraft Gottes erfährt. Jesus hat die Zerstörung und das Exil, die aus unserem Bösen kommen, ein für alle Mal erlitten (1. Petrus 3,18). Für die, die Buße tun und dem Leben und der Botschaft des endgültigen Propheten Gottes vertrauen, gibt es keine Zerstörung. Und wenn wir das tun, nehmen wir auch Gottes Auftrag wieder auf, den Segen und die lebensschaffende Kraft Gottes in die Welt zu bringen.
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der seinem Volk Warnungen und Propheten schickt. Und mögest du Jesus als den erkennen, der die Zerstörung und das Exil seines Volkes in sich selbst getragen hat.

