Was passiert hier?
Dieser Psalm ist ein einziger Schrei nach Gnade. David ist überzeugt, dass er leidet, weil Gott ihn zurechtweist (Psalm 6,2). Jede Nacht weint er so sehr, dass sein Kissen von Tränen durchnässt ist (Psalm 6,7). Er will, dass Gott ihn aus der Not befreit, in der er steckt (Psalm 6,5). Darum beruft sich David auf Gottes beständige Liebe (Psalm 6,5).
Gottes beständige Liebe ist nicht bloß ein freundliches Gefühl gegenüber einer Person. Beständige Liebe meint Gottes Bundesliebe. Es ist eine treue Liebe, die auf gegebenen Versprechen beruht – wie die Liebe zwischen einem Mann und seiner Frau.
Wenn David stirbt, dann steht nach seiner Überzeugung Gottes beständige Liebe in dieser Bedrängnis auf dem Spiel. Denn ein Teil der Zusagen, die Gott Israel gegeben hatte, war mit Davids Wohlergehen verknüpft (2. Samuel 7,12). Einer von Davids Nachkommen sollte für immer auf dem Thron Israels sitzen (2. Samuel 7,16). Wenn Gott nicht handelt, sieht es so aus, als würden seine Versprechen unerfüllt bleiben.
Deshalb beruft sich David auf das Lob, das Gott zusteht. Wenn David dem Tod ausgeliefert wird, kann er Gott nicht mehr loben (Psalm 6,6).
David richtet eine Warnung an alle, die ihm schaden wollen (Psalm 6,9). Er sagt ihnen, sie sollen aus seiner Gegenwart verschwinden, denn jeden Augenblick werden sie in tiefe Verzweiflung geraten und beschämt dastehen. Gott hat in seiner Barmherzigkeit Davids Gebet gehört (Psalm 6,10).
Diese neu gewonnene Zuversicht kam höchstwahrscheinlich nicht durch ein wunderhaftes körperliches Ereignis, sondern durch ein geistliches. Davids gequälte Seele wird getröstet, weil Gott sein Gebet gehört hat und ihn bald retten wird (Psalm 6,11). Das ist nicht bloß positives Denken bei David, sondern ein wunderbares Werk Gottes, das Davids hoffnungslosem Herzen Hoffnung schenkt.
Wo ist das Evangelium?
Wenn es uns schlecht geht, denken wir schnell, Gott würde uns strafen. Unser Erleben fühlt sich wie ein Beweis dafür an, dass Gott gegen uns ist und uns nur Hoffnungslosigkeit bleibt. Aber David ruft nicht bloß: „Wie lange noch, Herr?“ Er sagt, dass sein Leiden Gottes Liebe und Verherrlichung infrage stellt und dass Gott darauf reagieren muss. Wie David sollten auch wir Gott daran erinnern, dass in unserem Leiden seine Liebe und seine Verherrlichung auf dem Spiel stehen. Dieser Psalm hält zwar keine Antwort auf Davids Gebet fest, doch letztlich wird Davids Gebet in Jesus beantwortet.
Jesus benutzte diese Worte Davids, um seine eigene innere Qual zu beschreiben, als er ans Kreuz ging (Johannes 12,27). Doch anders als David bittet er Gott nicht, sein Leben zu bewahren. Stattdessen geht er freiwillig aus Liebe ans Kreuz (Johannes 3,16). Und anders als David, der sagt, sein Weg ins Grab würde Gott die Verherrlichung nehmen, sagt Jesus, dass sein Tod am Kreuz seinen Namen verherrlichen wird (Johannes 12,28).
Als Jesus ans Kreuz ging, hat er tatsächlich den Zorn Gottes getragen, den David zu tragen meinte. Doch hier sehen wir, was Gott um seiner beständigen Liebe willen zu tun bereit ist. Er ist bereit, ins Grab zu gehen.
Aber der Tod würde nicht alles Lob Gottes zum Schweigen bringen, wie David es befürchtete (Psalm 6,6). Im Gegenteil: Weil Jesus ins Grab ging und wieder auferstand, wird sich bei seiner Wiederkehr jedes Knie beugen und Gott loben (Philipper 2,10).
Wir dürfen uns in unserem Leiden auf Gottes beständige Liebe berufen, denn er antwortet immer mit dem Evangelium. Wie David dürfen wir Gott treu und mutig bitten, barmherzig zu sein, zu handeln, uns zu retten – weil er es in Jesus vollkommen getan hat. Er hat uns vor dem Zorn gerettet und uns aus der letzten Qual des Grabes befreit. Weil Jesus auferweckt wurde, können wir mit David sagen: „Der Herr hat mein Schreien um Barmherzigkeit gehört“ (Psalm 6,10).
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der voller Liebe und Herrlichkeit ist. Und dass du Jesus als den erkennst, der Gottes Liebe und Verherrlichung durch sein eigenes Leiden zeigt, damit wir in unserem Leiden getröstet werden können.


