Was passiert hier?
Diese Geschichte kann schwer zu hören sein.
Jesus erfährt, dass sein Freund Lazarus krank ist. Doch anstatt sofort zu ihm zu eilen, wartet Jesus bewusst, bis Lazarus stirbt. Johannes sagt uns, dass es daran liegt, dass er Lazarus liebte (Johannes 11,5). Und Jesus sagt, dass die Krankheit und der Tod des Lazarus ihn verherrlichen und viele zum Glauben bringen werden (Johannes 11,4.15). Doch die Familie des Lazarus ist unsicher. Bei drei verschiedenen Gelegenheiten stellen sie die Motive von Jesus in Frage (Johannes 11,21.32.37).
Als Jesus am Grab ankommt, weint er. Er weint um seinen Freund Lazarus, den er von Herzen liebte. Aber seine Tränen sind nicht nur für Lazarus. Jesus trauert auch über alles, was der Tod seinen Menschen und seiner Welt geraubt hat.
Johannes sagt uns außerdem, dass Jesus „innerlich erschüttert“ ist – man könnte es auch mit „zornig“ übersetzen. Jesus geht auf das Grab des Lazarus zu, die Augen rot von Tränen und die Wangen glühend vor Zorn.
Warum? Weil es bei diesem Wunder nicht nur darum geht, Lazarus von den Toten zu erwecken – es geht darum, dass Jesus dem Tod selbst entgegentritt.
Jesus weiß, dass alle, die er liebt, unweigerlich sterben werden. Er ist empört darüber, dass die Welt, die er geschaffen hat, und die Menschen, die er im Mutterleib kunstvoll gebildet hat, unter der Herrschaft des Todes gefangen sind. Die Welt, die er ohne Leid, ohne das Böse und ohne Krankheit geschaffen hat, ist von der Sünde an sich gerissen worden, und die Sünde hat das Leben jedes Menschen gefordert. Deshalb erweckt Jesus Lazarus von den Toten – als ein Zeichen für das, was er selbst kurz darauf tun wird.
Als Reaktion auf das wichtigste Wunder von Jesus glaubt so gut wie niemand. Johannes 12 beschreibt Gruppen von Menschen, die mit den Zeichen von Jesus konfrontiert werden, sich aber weigern, den Zeichen bis zu ihrem Ziel zu folgen (Johannes 12,37). So verhärtet ist der Unglaube Israels, dass die Pharisäer sich verschwören, um Jesus zu töten. Sie rechnen sich aus: Besser, eine Person stirbt, als dass ein ganzes Volk unter dem Zorn Roms leidet.
Wo ist das Evangelium?
Die Auferstehung des Lazarus war eine Vorschau auf das, was Jesus gekommen war, um es für alle Menschen zu vollbringen. So wie er Lazarus mit einem Wort aus dem Grab rief, so versprach Jesus in Johannes 5, dass die Toten seine Stimme hören und zum ewigen Leben auferstehen werden (Johannes 5,25.28). Die Auferstehung des Lazarus war nicht nur ein einmaliges Wunder – sie war ein Zeichen, das auf den größeren Augenblick hinwies, in dem Jesus in das Reich der Toten hinabsteigen würde, um dem Tod selbst entgegenzutreten und seine Macht für immer zu brechen.
Die Tränen und der Zorn von Jesus am Grab des Lazarus zeigen uns sein Herz gegenüber dem Tod: Er ist nicht natürlich, er ist nicht gut, und er wird nicht bleiben. Indem Jesus Lazarus sein Leben zurückgibt, zeigt er, was er bald in kosmischem Ausmaß tun wird: aus dem Grab auferstehen und allen, die ihm vertrauen, den Weg öffnen, am ewigen Leben des Vaters teilzuhaben.
Maria hat das verstanden. Zweimal bricht sie ihr kostbarstes Parfüm auf und salbt die Füße von Jesus für sein Begräbnis. Sie glaubte, wie Jesus es hoffte, dass der Tod und die Auferstehung des Lazarus auf den eigenen Tod und die eigene Auferstehung von Jesus hinwiesen. Sie verstand, dass Jesus gekommen war, um den Tod zu vernichten, indem er selbst starb und wieder auferstand.
Sieh selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der um seine Freunde weint und der zugleich über den Tod empört ist. Und mögest du Jesus sehen als den, dessen Stimme die Toten ins Leben ruft, dessen Auferstehung den Tod vernichtet und der allen, die glauben, ewiges Leben schenkt.

