Was geschieht hier?
Im Buch Jona geht es nicht um einen großen Fisch. Es geht um die Barmherzigkeit, die Gott für seine Feinde hat.
Das Buch beginnt damit, dass Gottes Wort an Jona, den Sohn Amittais, ergeht (Jona 1,1). Das ist nicht das erste Mal, dass Jona in der Bibel auftaucht. Jona war Prophet für den bösen König Jerobeam II. (2. Könige 14,24-25). Während andere Propheten wie Amos damit beschäftigt waren, Jerobeam anzuklagen, sagte Jona die Erweiterung des Gebiets Israels voraus und sprach dem gottlosen König damit indirekt Gottes Billigung zu (Amos 7,9-11).
Dennoch sagt Gott zu Jona, er solle gegen Ninive und seine Bosheit predigen (Jona 1,2). Ninive war die Hauptstadt Assyriens – eines heidnischen Volkes, das Israel später ins Exil führen und Jerusalem niederbrennen würde. Anstatt also Gottes Botschaft zu Israels Feind zu bringen, steigt Jona mit anderen Heiden auf ein Schiff und macht sich auf zum entferntesten Punkt, den er auf der Karte finden kann (Jona 1,3). Später erfahren wir, dass Jona sich weigert, in Ninive zu predigen, weil er weiß, dass Gott barmherzig sein wird (Jona 4,2). Jona konnte es nicht ertragen, dass eine Botschaft der Barmherzigkeit zu Israels Feinden gehen sollte. Doch kaum ist das Schiff auf dem Wasser, schickt Gott einen Sturm über den blinden Passagier Jona (Jona 1,4).
Der Sturm macht die Unterschiede zwischen den reuigen heidnischen Seeleuten und dem abtrünnigen Propheten deutlich. Die Seeleute sind zu Tode erschrocken, aber aufrichtig. Sie rufen ihre Götter um Hilfe an und werfen alles vom Schiff, um es über Wasser zu halten. Jona aber bekommt nichts mit und schläft (Jona 1,5). Der Kapitän rüttelt Jona wach und benutzt dieselben Worte, die Gott in Vers eins gebraucht hat. Der Kapitän fordert Jona auf, „aufzustehen“ und auch seinen Gott „anzurufen“ (Jona 1,6). Doch Jona tut es nie.
Die Mannschaft wirft eine Art Würfel, in der Hoffnung, Gott werde ihnen zeigen, wer den Sturm verschuldet hat (Jona 1,7). Erst als das Los auf Jona fällt, gibt er überhaupt etwas zu (Jona 1,9-10). Dann gibt Jona auf. Er sagt den Seeleuten, sie sollen ihn ins Meer werfen (Jona 1,12). Doch die Seeleute tun alles, um sein Leben zu retten (Jona 1,13). Selbst als sie erkennen, dass ihre einzige Hoffnung darin besteht, Jona über Bord zu werfen, bitten sie zuerst Gott um Vergebung (Jona 1,14).
Schließlich werfen sie Jona über Bord, und der Sturm hört auf. Sofort ehren die Seeleute Jonas Gott und bringen ihm ein Schlachtopfer aus dem, was noch an Bord ist (Jona 1,15-16). Und während die Seeleute die Sonne und das ruhige Meer genießen, wird Jona von einem großen Fisch verschlungen und tief unter das Wasser hinabgezogen (Jona 1,17).
Wo ist das Evangelium?
Einen großen Teil seines Wirkens verbrachte Jesus mit Menschen wie Jonas heidnischen Seeleuten. Prostituierte und Zolleinnehmer erfuhren Jesu Barmherzigkeit und Mitgefühl. Sogar einige von Jesu Jüngern waren Fischer und Seeleute (Lukas 5,30). Viele, die Jesus heilte, waren außerdem ethnische Nachkommen von Völkern wie Assyrien und Städten wie Ninive (Matthäus 8,5). Man nannte sie Heiden. Und wie Jona konnten die religiösen Führer der Zeit Jesu es nicht ertragen, dass eine Botschaft der Barmherzigkeit zu Israels religiösen und historischen Feinden hinausging. Die Pharisäer forderten außerdem immer deutlichere Zeichen, um die Botschaft zu „beweisen“, die sie nicht hören wollten (Matthäus 16,1). Jesus nennt sie eine „böse und ehebrecherische Generation“ und sagt, er werde ihnen nur das Zeichen des Jona geben (Matthäus 16,4).
Jesu Gegner müssen die Geschichte Jonas neu entdecken, denn sie sind Jona. Sie sind hartherzige Propheten, denen es mehr darum geht, Israels nationale Identität zu bewahren, als Israels kulturellen und geistlichen Feinden Barmherzigkeit zu erweisen. Und sie sind umgeben von reuigen Heiden, die klar sehen, was Gott vorhat, und Buße tun (Matthäus 12,41-42). Sie sind so entschlossen, Gottes Ruf abzulehnen und vor Gottes Barmherzigkeit zu fliehen, dass sie wie Jona auf den Schlund der Tiefe zusteuern.
Doch das Zeichen des Jona weist auch auf Jesu Tod hin. So wie Jona drei Nächte unter Wasser verbrachte, wird Jesus drei Tage im Innern der Erde verbringen (Matthäus 12,40). Das ist das letzte Zeichen für eine böse und unbarmherzige Generation: Gott wird seine Feinde retten und die untergehen lassen, die seine Botschaft zurückweisen. Jonas „Tod“ im Meer bedeutete, dass die heidnischen Seeleute vor dem Sturm gerettet wurden; sie glaubten und riefen Gott an (Jona 3,5). Genauso bedeutet Jesu Tod, dass ruhige Wasser und Vergebung vor uns liegen – selbst für Gottes Feinde (Römer 5,10).
Jona fordert uns heraus, die Menschen zu benennen, von denen wir glauben, sie hätten Gottes Barmherzigkeit nicht verdient. Und auch wenn es für jeden von uns jemanden gibt, dem wir die Barmherzigkeit nicht verkündigen würden, tut Jesus das nie. Wie Jona wird er in die Tiefe hinabsteigen, damit Gottes Feinde seine Barmherzigkeit empfangen können.
Sieh selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der Propheten gegen das Böse sendet. Und mögest du Jesus als den größeren Jona sehen, der Gottes Feinden Barmherzigkeit anbietet.


