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Andacht

Philemon 1

Sklave oder Bruder?

Im Philemonbrief sehen wir, dass Paulus ein Bild dafür ist, was Jesus für alle Menschen getan hat, und dass es in Jesus weder Sklave noch Freier gibt, sondern eine neue Menschheit.

Was geschieht hier?

Der Philemonbrief ist der einzige Brief des Apostels Paulus, in dem Jesu Tod oder Auferstehung nicht erwähnt werden. Das liegt daran, dass die Nachfolge Jesu unsere Beziehungen zueinander verwandelt. Aus dem Gefängnis heraus schreibt Paulus und erwartet von einem Sklavenhalter namens Philemon, dass er für seinen Sklaven Onesimus zu Jesus wird. 

Philemon ist einer der Partner von Paulus. Sie sind nicht nur in Jesus miteinander verbunden, sondern auch Partner in einem gemeinsamen Auftrag (Philemon 1-2). Einer der Schüler von Paulus gründete eine Hauskirche in Kolossä, und Philemon ist ihr Gastgeber und einer ihrer Leiter (Philemon 23; Kolosser 1,7). Und wie die meisten wohlhabenden Männer seiner Zeit besaß Philemon Sklaven – einer von ihnen hieß Onesimus. Onesimus war von Philemon weggelaufen und zu Paulus gekommen, vermutlich, um Hilfe zu suchen. Doch nachdem er Paulus begegnet war, wird Onesimus ein Nachfolger von Jesus und schnell ein weiterer geschätzter Partner von Paulus (Philemon 10.13). Paulus nennt Onesimus sogar sein „eigenes Herz“ (Philemon 12).

Nachdem Paulus Philemon für seine Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten gelobt hat, betet er darum, dass Philemons Partnerschaft mit ihm tiefer wird, indem er ihm einen Gefallen tut (Philemon 6.20). Wenn sie Partner sind, so sagt Paulus, dann möchte er, dass Philemon Onesimus so aufnimmt, als wäre er Paulus selbst (Philemon 17). Und falls Onesimus Philemon Unrecht getan hat, verspricht Paulus, die Kosten zu tragen (Philemon 18).

Das ist eine feinfühlige Art, eine radikale Bitte auszusprechen. Bis zu einem Drittel der Bevölkerung im antiken Rom dürfte aus Sklaven bestanden haben. Wohlhabende Männer wie Philemon gaben Darlehen, und Männer wie Onesimus zahlten sie ab, indem sie auf deren Gut arbeiteten. Onesimus als Partner aufzunehmen, steht in radikalem Widerspruch dazu, ihn als verschuldeten Sklaven zurückzunehmen – ganz zu schweigen davon, dass es in radikalem Widerspruch zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge des Römischen Reiches steht.

Wichtiger als ihr rechtliches und gesellschaftliches Verhältnis ist die Rolle von Paulus als geistlicher Vater sowohl für Philemon als auch für Onesimus. Sie sind zuallererst Brüder (Philemon 16). Paulus, Philemon und Onesimus sind nun in Jesus miteinander verbunden. Und alle drei sind jetzt Partner im selben Auftrag in Kolossä. Diese neuen Kategorien Bruder und Partner wiegen schwerer als die alten Kategorien Sklave und Herr (Philemon 16). Paulus beendet seinen Brief dann in der Zuversicht, dass Philemon sein „Herz“ erfrischen wird (so hatte Paulus zuvor Onesimus bezeichnet) und sogar noch mehr tun wird, als er erbeten hat (Philemon 20-21).

Wo ist das Evangelium?

Der Philemonbrief ist der einzige vom Apostel Paulus geschriebene Brief, in dem Jesu Tod oder Auferstehung nicht erwähnt werden. Das liegt zum Teil daran, dass Paulus durch das Kreuz von Jesus verwandelt ist; er wird für Onesimus zu Jesus. So wie Jesus einem Sklaven gleich wurde, um ihn zu befreien, so stellt sich Paulus an die Seite von Onesimus in dessen Sklaverei und nennt ihn sein eigenes Herz (Philipper 2,7). So wie Jesus die Schulden von Paulus auf sein eigenes Konto schreibt, bietet Paulus an, jede Schuld zu begleichen, die Onesimus gemacht hat (Galater 3,13-14). Paulus ist der Vermittler für Onesimus, so wie Jesus es für ihn gewesen ist. Paulus ruft in diesem Brief auch Philemon dazu auf, wie Jesus zu sein. So wie Jesus Paulus berief, mit ihm zusammen die Welt zu versöhnen, so ruft Paulus Onesimus dazu auf, sich mit Philemon zu versöhnen, der nun zuallererst Bruder und Partner ist (2. Korinther 5,18). 

Wie Paulus an anderer Stelle sagt: In Jesus gibt es weder Sklave noch Freier, sondern eine neue Menschheit (Galater 3,28). Vor Gott und seinem Kreuz werden gesellschaftliche oder wirtschaftliche Kategorien neu bestimmt durch unsere neue Berufung als Partner Gottes. In Jesus drängt es uns, andere mit Güte und aufopfernder Liebe zu behandeln – weit über das hinaus, was unsere Gesellschaft, unsere Rechtsansprüche oder persönliche Schulden verlangen mögen. Wenn wir Partner von Jesus sind, dann werden wir bereit sein, in unserer Gesellschaft an Ansehen zu verlieren, auf unsere Rechte zu verzichten und sogar die Schulden zu tragen, die andere bei uns haben. Jesus würde uns sagen, wir sollten die Schulden anderer auf sein Konto schreiben und darauf vertrauen, dass er dafür geradesteht. Philemons Beziehung zu Onesimus wurde wegen Jesus neu bestimmt. Auch unsere Beziehungen zueinander und zu unserer Gesellschaft müssen von Jesus verwandelt werden.  

Sieh selbst

Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du siehst, dass Gott uns in Jesus miteinander verbunden hat. Und mögest du Jesus als unseren Partner in der Versöhnung mit den Menschen um uns herum sehen.

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