Was passiert hier?
Das Lied der Liebenden hat gerade seinen Höhepunkt erreicht: die Vollendung ihrer Ehe (Hoheslied 4,16). Die Braut scheint auf ihrem Ehebett einzuschlafen und wird davon geweckt, dass ihr Mann an die Tür klopft (Hoheslied 5,2). Als er am Riegel rüttelt, springt die Frau vom Bett und reißt die Tür auf (Hoheslied 5,4).
Doch zu ihrem Erstaunen ist ihr Mann verschwunden (Hoheslied 5,6). Zum zweiten Mal in diesem Lied ist ihr Mann nirgends zu finden (Hoheslied 3,1). Ihr Herz versagt (Hoheslied 5,6b), sie wird auf den Straßen misshandelt (Hoheslied 5,7), und selbst ihre Brautjungfern fragen, ob ihr Mann wirklich so besonders ist, wie sie behauptet (Hoheslied 5,9).
Diese Vorwürfe gegen ihren Geliebten lassen die Braut in ein Lied ausbrechen, in dem sie die Schönheit und Einzigartigkeit ihres Bräutigams verteidigt (Hoheslied 5,10). In der Abwesenheit ihres Liebsten stimmt sie eines der längsten Lieder über die Lieblichkeit ihres Mannes an. Das Lied rechtfertigt die Abwesenheit des Mannes nicht damit, was er in der Vergangenheit für sie getan hat, sondern einfach damit, wer er ist.
Ihre Freundinnen werden weicher und fragen, wohin er gegangen ist, ja sie bieten sogar an, bei der Suche nach ihm zu helfen (Hoheslied 6,1).
Doch obwohl die Braut nicht weiß, wo er ist, weiß sie, dass er sie noch liebt. Sie sagt, er sei noch im Garten – dem gängigen Bild dieses Liedes für den Ort, an dem die Liebenden einander nahe sein können (Hoheslied 6,2). Vor den zweifelnden Töchtern erneuert sie ihre Gelübde und sagt: „Ich gehöre meinem Geliebten, und mein Geliebter gehört mir“ (Hoheslied 6,3).
Wo ist das Evangelium?
Das christliche Leben ist voll von solchen Momenten. Manchmal blicken wir auf dem Höhepunkt unserer Nähe zu Gott auf, und es scheint, als sei er wieder fern von uns (Psalm 13,2).
Unser Herz versagt, und unsere Zweifel gewinnen. Die Stimmen um uns herum scheinen zu sagen: „Wenn dein Gott so gut ist, wie du behauptest, würde dir das nicht passieren.“
Aber wir wissen: Gott ist nicht so – denn Jesus ist nicht so.
Was auch geschieht, wir können die Schönheit, Einzigartigkeit, Güte, den Charakter und die Gläubigkeit von Jesus rühmen (Psalm 13,6-7). Wir tun das nicht, indem wir die äußeren Merkmale eines irdischen Bräutigams aufzählen, sondern indem wir ohne Scham die unerschütterlichen Eigenschaften unseres himmlischen Mannes benennen (Kolosser 3,1).
Unser Vertrauen auf Gott beruht nicht auf den Umständen, sondern auf dem Charakter von Jesus. Wenn unsere Zweifel uns sagen, Gott sei fern, nicht vertrauenswürdig und ohne Mitgefühl, dürfen wir voller Zuversicht antworten: Jesus ist nicht so.
Jesus ist vertrauenswürdiger als unsere zuverlässigsten Sinne oder Quellen (Hebräer 6,18). Jesus liebt uns mehr, als ein Ehepartner, ein Freund oder ein Familienmitglied es je könnte (Römer 5,7-8). Jesus ist uns näher als die Anklagen in unseren Ohren oder die Zerbrochenheit in unseren Herzen (Psalm 34,19).
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten zu zeigen, dass Jesus so ist – seine bescheidene Geburt, sein von Liebe erfülltes Leben, sein Opfertod. Und doch können wir den Charakter von Jesus nicht nur aufgrund dessen feiern, was er getan hat, sondern aufgrund dessen, wer er ist.
Die Frohe Botschaft ist: Gott ist gut.
So wie die Braut ihr Ehegelübde wiederholte, dürfen wir die Zusage von Jesus an uns wiederholen: „Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, bis das Ende dieser Welt gekommen ist“ (Matthäus 28,20). Wohin wir auch gehen – Jesus ist bei uns.
Überzeuge dich selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der nahe ist, selbst wenn er fern erscheint. Und dass du Jesus als unseren schönen Mann siehst, auf den wir unser Vertrauen setzen können.

