Was geschieht hier?
Die Beziehung zwischen Gott und Israel war auf ein einziges Gebot gebaut: Schma – das heißt „höre“. Das Gebot lautete: „Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ (5. Mose 6,4). Sie sollten auf den einen wahren Gott hören, ihn kennen und ihn mit ihrem ganzen Herzen, ihrer ganzen Seele und ihrer ganzen Stärke lieben (5. Mose 6,5). Indem sie das taten, würden sie zu seinem Bild geformt und würden der Welt sein Abbild zeigen. Sie würden das Land mit Gottes Leben füllen wie ein Fluss und die Erde mit Gottes Bild bedecken, wie Sand das Ufer bedeckt (1. Mose 22,17). Doch von Anfang dieser Beziehung an weigerte sich Israel zu hören.
Anstatt Gott zu lieben, liebten sie Götzen. Anstatt dem Gott zu gleichen, der spricht, wurden sie den leblosen Göttern gleich, die sie anbeteten – starr wie Eisen, taub wie Stein, blind wie Holz. Sie vertrauten darauf, dass diese falschen Götter sie vor Babylon beschützen würden, doch Babylon überwältigte sie. In das Exil verschleppt, glaubten sie, die Götter Babylons hätten gesiegt. Aber der Prophet Jesaja sagt ihnen, sie sollen auf den Gott hören, der spricht (Jesaja 48,1). Es waren niemals die Götter Babylons, die sie ins Exil brachten, sondern der eine wahre Gott.
Gott hatte von Anfang an erklärt, dass ihre Auflehnung ins Exil führen würde (Jesaja 48,3-7; 5. Mose 29,25-27). Doch Israel hatte sich die Ohren verstopft (Jesaja 48,8). Ihr Hals war aus Eisen, ihre Stirn aus Bronze – unbeugsam, hartnäckig, ohne Buße (Jesaja 48,4). Also tat Gott, was er versprochen hatte. Er verbannte sie nach Babylon, nicht um sie zu vernichten, sondern um sie zu läutern. Der Schmelzofen des Exils würde ihre Abgötterei wegbrennen und ihre verhärteten Herzen schmelzen, damit sie neu zu seinem Bild geformt werden konnten (Jesaja 48,9-11). Doch das Feuer würde nur wirken, wenn sie endlich hörten.
Wenn Israel „Schma“ tun würde, wenn sie auf Gott hörten, dann wäre ihr Exil nicht das Ende ihrer Geschichte, sondern ein neuer Anfang. Indem sie auf Gottes Weisungen hörten, würden sie endlich das werden, wozu sie immer bestimmt waren: lebendige Spiegelbilder des einen wahren Gottes (Jesaja 48,16-17). Wie ein Fluss würden sie sein Leben in die Welt tragen. Wie der Sand am Ufer würden sich ihre Nachkommen vermehren und die Erde füllen (Jesaja 48,18-19). Wenn Gott sie aus Babylon rettet, werden sie nicht schweigen (Jesaja 48,14). Sie werden die sein, die die Völker zum Schma rufen – zu hören und zu erkennen, dass ihr Gott seinen Diener gerettet hat und die Welt mit denen füllt, die sein Bild tragen. Ihre Rettung wird wie ein neuer Exodus sein, so wie damals, als Gott sein Volk aus Ägypten führte und Wasser aus einem Felsen hervorbrechen ließ, um sie in der Wüste zu versorgen (Jesaja 48,20-21). Und wenn Gott Wasser aus einem Felsen holen kann, dann kann er auch einen Fluss aus einem Götzenbild fließen lassen. Er kann sein lebloses und taubes Volk nehmen und es zu Menschen machen, die leben und hören und die sein Bild und sein Leben bis an die Enden der Erde tragen.
Wo ist das Evangelium?
Von allem Anfang an wurde die Menschheit zum Schma geschaffen – um die Stimme Gottes zu hören, ihn allein zu lieben und sein Leben in der Welt widerzuspiegeln (1. Mose 1,28-30; 2,16-17). Doch wie Israel weigern wir uns. Wir wenden uns vom sprechenden Gott ab und stummen Götzen zu (Römer 1,23.25). Wir werden taub für Gottes Stimme und leblos wie die Dinge, die wir anbeten (Epheser 2,1-2). Unsere Auflehnung treibt uns aus seinem Leben ins Exil und macht unsere Ohren taub für seine Stimme. Doch in seiner Barmherzigkeit ließ Gott uns nicht in unserer Taubheit zurück. Er sandte sein Wort – Jesus (Johannes 1,14; Titus 3,4-5).
Jesus ist der wahre Israelit, der vollkommen Schma lebte. Er hörte den Vater, gehorchte seiner Stimme und liebte ihn mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand und ganzer Stärke (Johannes 5,19; 14,31). Wo Israel taub war, hörte Jesus. Wo wir hartnäckig waren, war Jesus treu. Aus Liebe kam er in unser Exil, wo er litt und starb durch die Hand derer, die sich weigerten, auf ihn zu hören. Am Kreuz wurde Jesus, der einzige lebende und atmende Gott, leblos, und sein Leib wurde hinter einem Felsen begraben (Johannes 19,30.41). Doch anstatt vom Tod verschlungen zu werden, brach Jesu Leben aus dem Tod hervor wie Wasser aus einem Felsen (Lukas 24,5-7). Und nun ruft er uns zu: Schma! Höre und lebe!
Jesus bringt uns nicht nur wieder zu Gott zurück – er formt uns neu zu seinem Bild (Philipper 3,20-21). Durch seinen Geist macht er eiserne Hälse weich und schmilzt bronzene Stirnen. Er macht uns zu dem, wozu wir immer bestimmt waren – lebendige Spiegelbilder Gottes, erfüllt von seinem Leben wie ein Fluss, sein Bild vervielfältigend wie der Sand am Ufer (Johannes 4,14; 1. Johannes 3,2). Und so wie Israel berufen war, den Völkern ein neues Schma zu verkünden, sendet Jesus uns in die Welt mit seiner Stimme auf unseren Lippen: Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern. Tauft sie. Lehrt sie. Ruft sie dazu auf, zu hören und den einen wahren Gott zu lieben (Matthäus 28,19-20).
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist deine Ohren öffnet zum Schma – damit du die Stimme des lebendigen Gottes hörst, der dich ruft, ihn allein zu lieben. Mögest du Jesus als das vollkommene Ebenbild Gottes sehen, den, der hörte, gehorchte und sein Leben gab, um dich aus dem Exil zu retten.

