Was geschieht hier?
Dieser Psalm wurde für die Einweihung des Tempels in Israel geschrieben. Doch seltsamerweise klingt es, als würde der Psalm eine einzelne Person beschreiben.
Das liegt daran, dass die persönliche Leidensgeschichte des Psalmbeters die Geschichte des ganzen Volkes Israel mit seinem Tempel widerspiegelt (Psalm 30,1).
Der Psalmbeter rief zu Gott und wurde aus dem sicheren Tod heraufgezogen (Psalm 30,2). Auch Israel wurde aus seinem Tod in Ägypten herausgeholt, nachdem es zu Gott um Hilfe gerufen hatte (2. Mose 2,24-25).
Die Rettung des Psalmbeters vor dem Tod war wie eine Auferstehung (Psalm 30,3). Genauso war Israels Auszug aus Ägypten wie eine Auferstehung des ganzen Volkes von den Toten (2. Mose 15,17).
Durch Gottes Gegenwart und Güte wurde der Psalmbeter fest wie ein Berg (Psalm 30,7a). Auch Israel erlebte Gottes Güte und Gegenwart auf einem wirklichen Berg, dem Sinai (2. Mose 19,16).
Doch der Psalmbeter sündigte, und es schien, als würde Gottes Zorn seine Gegenwart von ihm nehmen (Psalm 30,7b). Auch Israel sündigte am Berg Sinai mit seinen goldenen Kälbern, und Gottes Zorn setzte seine Gegenwart aufs Spiel (2. Mose 33,3).
Deshalb fleht der Psalmbeter Gott an, ihn zu retten, und fordert Gott heraus zu bedenken, ob sein Tod Gott überhaupt Lob einbringen würde (Psalm 30,9). Auch Israel forderte Gott durch Mose heraus zu bedenken, ob sein Sterben am Sinai Gott irgendein Lob einbringen würde (2. Mose 32,12).
In seiner Gnade erhört Gott die Bitte des Psalmbeters und verwandelt sein Klagen in einen Freudentanz (Psalm 30,11). Gott erhörte auch die Bitte des Mose und ließ seine Gegenwart in den Tabernakel einziehen, Israels ersten Tempel (2. Mose 40,34). Wie beim Psalmbeter wurde ihre Trauer (2. Mose 33,4) in einen Freudentanz verwandelt (2. Mose 33,10).
All das belegt einen Hauptgedanken, der genau in der Mitte des Psalms steht: Gottes Zorn dauert nur einen Augenblick, seine Güte aber ein Leben lang (Psalm 30,5).
Wo ist das Evangelium?
Psalm 30 beschreibt, wie Gottes Gegenwart den Tempel erfüllt, so wie eine Person von den Toten aufersteht (Psalm 30,3). Doch was in diesem Psalm nur ein Bild sein kann, wird in Jesus Wirklichkeit.
Denn Jesus ist Gott selbst, die vollkommene Verbindung von Gottes greifbarer Gegenwart an einem Ort und einem einzelnen Menschen (Kolosser 1,19). Deshalb verglich Jesus seinen Tod mit der Zerstörung des Tempels (Johannes 2,19).
Wie der Psalmbeter und wie Israel schrie Jesus zu Gott, als er dem sicheren Tod gegenüberstand (Matthäus 26,39). Doch anders als der Psalmbeter und Israel, die gerettet wurden, obwohl sie gesündigt hatten, ging Jesus den ganzen Weg bis ins Grab, obwohl er ohne Sünde war (2. Korinther 5,21).
Den ganzen Zorn über die Sünden des Psalmbeters, Israels und der Welt – die Sünden, die Gottes Gegenwart aufs Spiel setzten – hat Jesus am Kreuz erfahren (Römer 5,9). Doch anders als der Psalmbeter und Mose, die einwandten, der Tod würde Gott kein Lob einbringen, verschafft Jesus Gott Lob aus dem Grab heraus (Philipper 2,11).
Der Tempel von Jesu Leib wurde emporgehoben, als er von den Toten auferweckt wurde. Und nun kann jeder, der zu Jesus ruft, wie der Psalmbeter zu Gott rief, ebenfalls von den Toten auferweckt werden (Römer 8,11). Seine Trauer wird in einen Freudentanz verwandelt werden.
Gottes Zorn dauerte am Kreuz nur einen Augenblick, damit wir seine Güte in Ewigkeit erfahren können (1. Petrus 3,18).
Sieh es selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet für den Gott, der die Toten auferweckt. Und dass du Jesus als den erkennst, der sich in den Griff des Grabes begab, um uns mit sich in das ewige Leben zu erheben.

