Was passiert hier?
König Jehu in Israel und König Joasch in Juda gehen erstaunlich parallele Wege. Beide werden im Verborgenen zum König gekrönt (2. Könige 9,6; 11,3). Beide Herrschaftsantritte werden mit Trompeten verkündet (2. Könige 9,13; 11,14). Beide Herrscher, die sie ersetzen, schreien „Verrat!“, bevor sie getötet werden (2. Könige 9,23; 11,14). Und sowohl Jehu als auch Joasch reißen die Tempel Baals nieder (2. Könige 10,27; 11,18). Unter diesen relativ treuen Königen erleben Israel und Juda eine kleine Erneuerung nach der langen Zeit geistlichen Todes, die sie kannten.
Joasch bringt sogar etwas Leben in den Tempel Gottes zurück. Jahrhundertelang hatte sich niemand um den Tempel gekümmert, und Joasch bringt das Geld für seine Instandsetzung zusammen (2. Könige 12,5-6). Doch die verantwortlichen Priester sind unfähig und dazu noch Diebe (2. Könige 12,7-8). Geistlich tot, wie sie sind, stehlen sie aus der Baukasse des Tempels, sodass Joasch die Sammlung schließlich unter bewaffnete Bewachung stellen muss (2. Könige 12,10).
Den syrischen König interessiert die Erneuerung in Juda nicht; er führt sein Heer nach Jerusalem (2. Könige 12,18). In seiner Not stiehlt Joasch aus der Tempelschatzkammer – genau wie seine untreuen Priester – und liefert so viel Gold aus, dass er den Angriff Syriens abwenden kann (2. Könige 12,19). Während das im Norden häufig genug vorkam, wird Joasch der erste König des Südens, der von seinen eigenen Leuten ermordet wird (2. Könige 12,21). Bei all der Erneuerung, die Joasch bewirkt: Seinen eigenen Tod kann sie nicht verhindern.
Noch zu Lebzeiten Joaschs stirbt Jehu, und zwei neue Könige besteigen den Thron im Norden Israels. Doch beide tun, was böse ist, beide werden von Syrien bedrängt (2. Könige 13,2.11) und schließlich von den syrischen Truppen zermalmt wie Staub (2. Könige 13,7). Weil sie als Anführer versagen, steht Israel als Volk am Rand des Todes.
Doch dann taucht Joasch – wie von den Toten auferweckt – in einer Rückblende wieder in der Erzählung auf. Er ist bei Elisa, der im Sterben liegt, und Elisa weissagt ihm eine begrenzte Zahl von drei Siegen über Syrien (2. Könige 13,14.19). Sprung nach vorn: Elisa stirbt und wird in ein Grab gelegt. Doch als man einen Toten in das Grab Elisas wirft, wird er wieder lebendig (2. Könige 13,21). Sowohl diese wirkliche Auferstehung als auch die plötzliche erzählerische „Auferstehung“ Joaschs sind unüberhörbare Hinweise darauf, dass Gott den Zusagen, die er Israel gegeben hat, treu bleibt – selbst im Tod (2. Könige 13,23).
Wo ist das Evangelium?
Wir halten das Buch der Könige oft für ein Geschichtsbuch, aber treffender ist: Es ist ein evangelistisches Buch. Es ist ein Buch über Leben aus dem Tod. Es erinnert Israel an Gottes Zusagen und zeigt anhand seiner schauerlichen Geschichte, dass Gottes Gläubigkeit selbst über den Tod hinaus Bestand hat. Und an diesem Punkt der Geschichte Israels stirbt alles.
Die Könige bringen keine bleibende Erlösung. Die Königslinie Davids ist untrennbar mit der abgöttischen Linie Ahabs verflochten. Der Tempel ist entweder verfallen oder seiner heiligen Geräte beraubt. Und nun sind auch alle Propheten gestorben. Es ist bezeichnend, dass der Verfasser Israel nicht an Gottes Zusage an David erinnert, sondern an Gottes alte Zusage an Abraham (2. Könige 13,23). Es ist, als sei das gegenwärtige politische und religiöse System so zerbrochen, dass nur noch die Zusagen Hoffnung bringen können, die Gott gab, bevor Israel überhaupt existierte. Damals gab es nichts, was Gott bewogen hätte, einen Bund mit Abraham zu schließen – außer seiner Gnade und Barmherzigkeit. Und mitten im Todeskampf muss nicht nur Israel das wissen und glauben – auch wir müssen es wissen und glauben.
Wir sterben nicht nur, weil wir sterblich sind, sondern weil jede politische, religiöse und moralische Hoffnung, von der wir Leben erwartet haben, gestorben ist oder bald sterben wird. Unsere eigenen Stammbäume sind untrennbar mit der Ungerechtigkeit und der Abgötterei von Männern wie Ahab verflochten. Unsere religiösen Institutionen verfallen und zerbröckeln. Wie Israel sind wir über die Hoffnung hinaus, es könne eine Rückkehr zu irgendeinem davidischen goldenen Zeitalter geben. Wir müssen uns ganz auf Gottes alte, gnädige Zusagen werfen, wenn wir hoffen wollen, aus diesen Gräbern aufzustehen.
Gottes Zusagen von Barmherzigkeit und Leben stehen uns in Jesus offen. Gott hat mit seinem Volk einen Bund geschlossen, noch bevor die Welt begann (Epheser 1,4). Er hat uns als seine Kinder angenommen – nicht weil wir es verdient hätten, sondern weil er uns liebt (Epheser 1,5). In Gnade und Großzügigkeit schenkt er uns in Jesus, was in einem verfallenen Tempel verloren gegangen war: Erlösung, Vergebung und Weisheit (Epheser 1,6-8). Und wie beim Propheten Elisa bringen der hingegebene Leib und das vergossene Blut Jesu Leben aus dem Tod. Wenn wir uns bei unserer Taufe in sein Grab werfen, verbinden wir uns auch mit seinem Auferstehungsleben (Römer 6,5). Wie Israel sind wir gestorben – aber in Christus stehen wir von den Toten auf.
Sieh selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der seinem Volk Leben bringt. Und mögest du Jesus als den Propheten sehen, der Leben aus dem Tod bringt.

