Was passiert hier?
Das sichtbare Leiden von Paulus lässt die Christen in Korinth an der unsichtbaren geistlichen Echtheit seines Dienstes zweifeln. Konkurrierende Lehrer verstärken diesen Zweifel, indem sie auf die deutlich wahrnehmbaren Demütigungen und Narben von Paulus zeigen. Doch für Paulus beweist gerade sein äußeres Leiden die innere Echtheit seines Dienstes. Er folgt Jesus nach, dem gekreuzigten und doch verherrlichten Gott, dessen gedemütigte und vernarbte Erscheinung die unsichtbare Verherrlichung seines Dienstes verbarg (2. Korinther 4,8-9). Paulus trägt nun die sichtbaren Zeichen des unsichtbaren Dienstes von Jesus an seinem eigenen vernarbten Körper. Deshalb erinnert er die Korinther daran, nicht auf das zu schauen, was sichtbar und vergänglich ist, sondern auf das, was unsichtbar und ewig ist.
Anders als die konkurrierenden Lehrer behaupten, sind die Nöte von Paulus keine Beweise dafür, dass er für seinen Dienst untauglich wäre. Sie sind der Beweis, dass der Dienst von Jesus in ihm lebendig ist. Wie Jesus wird auch Paulus „dem Tod ausgeliefert“, damit andere leben (2. Korinther 4,10-12). Und wie das Leiden von Jesus Paulus Leben brachte, so bringt das Leiden von Paulus den Korinthern das Leben von Jesus.
Paulus erinnert die Korinther an Psalm 116 – ein Lied, das feiert, dass Gott seinen Dienern Erlösung schenkt, selbst mitten in Leid und Tod. Mit demselben Vertrauen ist Paulus überzeugt, dass Gott ihn von den Toten auferwecken wird, so wie er Jesus von den Toten auferweckt hat. Paulus nimmt sichtbare Nöte bereitwillig auf sich, denn durch sie werden er und die Korinther eine zukünftige Verherrlichung erfahren, die jetzt noch nicht sichtbar ist (2. Korinther 4,13-15).
Paulus spielt seine sichtbaren Leiden nicht herunter, aber er sieht sie so, wie sie sind – vergänglich. Auch wenn er unter dem Druck und den Nöten der Verfolgung stöhnt, weiß er, dass sie zu einer alten Welt gehören, die vergeht. Paulus vergleicht seinen schwachen Körper mit einem zusammenfallenden Zelt und seine unsichtbare Verherrlichung mit einem bleibenden Zuhause, das Gott schon vorbereitet hat (2. Korinther 5,1-5). Sein Blick ist nicht auf das gerichtet, was sichtbar und vergänglich ist, sondern im Glauben auf das, was unsichtbar und ewig ist. Was unsichtbar ist – die Herrschaft von Jesus, das Auferstehungsleben, die ewige Verherrlichung – bricht schon jetzt herein und wird vollständig offenbar werden, wenn Jesus erscheint (2. Korinther 4,16-18).
Darum lebt Paulus so, dass er Jesus gefällt, dem unsichtbaren Herrn, vor dem alle einmal erscheinen werden (2. Korinther 5,9-10). Und darum beurteilt er andere nicht nach Äußerlichkeiten. Der sichtbare Jesus – geschlagen und gekreuzigt – brachte unsichtbares Leben und Erlösung. Paulus gibt zu, dass er selbst Jesus einst nach rein menschlichen Maßstäben gesehen hat (2. Korinther 5,16). Für ihn wirkte Jesus am Kreuz schwach und besiegt. Und deshalb verfolgte er ihn und die Seinen. Doch jetzt sieht er Jesus und sein Kreuz so, wie sie wirklich sind: als Sieg und Leben für alle. Deshalb sieht Paulus niemanden mehr nur mit äußeren Augen. Denn in Jesus bricht die neue Schöpfung in eine sterbende und leidende Welt ein (2. Korinther 5,17).
Die Botschaft von der neuen Schöpfung und vom Leben mit Gott wurde schon lange zuvor verheißen. Paulus verweist auf Jesaja 49, wo Gottes Knecht trotz vieler Prüfungen und Leiden Menschen aus allen Völkern vom Leid und Verfall der Welt rettet (2. Korinther 6,1-2; Jesaja 49,1-26). Nun ist in Jesus Gottes Knecht gekommen und hat Menschen mit Gott versöhnt (2. Korinther 5,18.21). Der Tod, der uns von Gott trennte, ist jetzt ein Weg zu ihm. Paulus sieht sich selbst in genau diesen Auftrag hineingenommen. Gott versöhnt die Welt weiterhin mit sich, und Paulus leidet – wie Jesus vor ihm –, damit diese Versöhnung sichtbar wird (2. Korinther 5,19-20; 6,3-4). Sein Leiden ist kein Hindernis für die Versöhnung – es ist der Weg dorthin (2. Korinther 6,1-2). Seine Narben weisen ihn als echten Botschafter von Jesus aus, der unsichtbares ewiges Leben in eine sichtbar, aber nur vorübergehend zerbrochene Welt hineinträgt (2. Korinther 6,5-10).
Wo ist das Evangelium?
Oft sind wir versucht, geistliche Diener und unser eigenes Leben an einem gefälligen Äußeren zu messen. Wir nehmen an, dass echt sein muss, was erfolgreich, schmerzfrei oder beeindruckend ist. Doch Jesus dreht diese Logik um. Die Welt beurteilte Jesus nach dem, was sichtbar war – Armut, Schwachheit, Tod. Aber gerade der vernarbte und leidende Jesus war Gottes erwählter Knecht, der die Welt durch ein Kreuz versöhnte.
Die Auferstehung von Jesus beweist: Nicht das Leben ist vergänglich, sondern der Tod. Der Tod und alles Leid und aller Schmerz, die zu ihm führen, vergehen. Jesus starb nicht, weil er gescheitert wäre, sondern weil er die Welt mit Gott versöhnte. Als Leidender Knecht wurde Jesus von Menschen verworfen, die seinen Dienst als unecht abtaten (Jesaja 52,13-15; 53,3). Sie ließen ihn gedemütigt, vernarbt und gekreuzigt zurück. Doch durch dieses Leiden brachte Jesus den Tod zu Tode. In einem Eifer für die Versöhnung, der geradezu anstößig wirkt, vergab Jesus genau den Menschen, die über seine äußere Schwachheit nicht hinaussehen konnten. Mehr noch: Er beauftragte Menschen, die ihn verfolgt hatten – wie Paulus –, mit seinem eigenen Dienst der Versöhnung. Jesus verbindet sich mit den Schwachen und Leidenden, um das unsichtbare Leben und die Verherrlichung Gottes zu allen Menschen dieser Welt zu bringen (2. Korinther 5,19-20). In Jesus waren Tod und Leid vergänglich, aber sein Auferstehungsleben ist ewig (Offenbarung 1,18).
Nun sendet Jesus seinen Geist in uns, als unsichtbare Anzahlung auf unser zukünftiges Leben mit Gott (2. Korinther 5,5; Epheser 1,13-14). Im Geist beginnt die neue Schöpfung. Unser Leben mag weiterhin die Spuren von Schwachheit und Leid tragen, aber wie bei Paulus zeigen diese Narben, dass Jesus in uns Leben wirkt. Wir beurteilen unsere Umstände nicht mehr nach sichtbarem Leid. Stattdessen wollen wir Jesus gefallen, unserem gegenwärtig unsichtbaren Herrn, der uns durch seinen Geist innerlich verwandelt und auf eine zukünftige Verherrlichung bei ihm vorbereitet (1. Petrus 1,6-9).
So leben wir wie Jesus und wie Paulus als Diener der Versöhnung. Wir können unser Leben hingeben im Vertrauen darauf, dass das Leben durch uns wirken kann, auch wenn der Tod gegen uns wirkt. Der Tag kommt, an dem Jesus erscheinen wird. Und dann wird das, was wir im Glauben wahrgenommen haben, offen vor Augen liegen (1. Johannes 3,2). Was unsichtbar war – Verherrlichung, ewiges Leben und Jesus selbst –, werden wir in aller Klarheit sehen, und es wird für immer unser sein.
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der aus vergänglichem Leid ewige Verherrlichung hervorbringt. Und mögest du Jesus als den sehen, der uns mit Gott versöhnt hat und uns in die neue Schöpfung und das ewige Leben hineinführt.

