Was passiert hier?
Der Hebräerbrief wurde vor allem an jüdische Leser geschrieben. Gott hatte die Juden erwählt, heilig zu sein – sein ausgesondertes Volk, das ihm ähnlich sein und handeln sollte wie er. So sollte mitten in einer verunreinigten Welt eine reine und vollkommene Gemeinschaft entstehen. An diesem heiligen Ort konnte Gottes Volk bei Gott sein. Das Zentrum dieser Gemeinschaft war Gottes Thron, der am heiligsten Ort in Gottes Haus stand – im Allerheiligsten des Tempels. Um diesen Raum heilig und rein zu halten, bedeckten die Priester Israels das Land mit Leben, sobald der Tod es überkam. Das geschah, indem sie Blut, die Quelle des Lebens, im Tempel und rings um ihn herum versprengten, dort, wo Gott wohnte. Das war das Opfersystem, und es lief Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, um das Volk und seinen Ort bei Gott immer wieder zu reinigen. Doch der Verfasser des Hebräerbriefs sagt, dass all das nur ein Schatten der endgültigen Wirklichkeit ist, die Gott in Jesus offenbart hat (Hebräer 10,1).
Wie ein Schatten auf den festeren, greifbaren Gegenstand hinweist, der ihn wirft, so weist das Opfersystem auf die greifbare Person Jesu hin. Die ständige Notwendigkeit eines Opfersystems weist auf ein ständiges Problem hin (Hebräer 10,2). Jahr für Jahr brachten die Priester Schlachtopfer dar, weil das Volk Jahr für Jahr weiter sündigte. Die jährlichen Schlachtopfer erinnerten Israel daran, dass ihre Auflehnung gegen Gott anhielt und sie selbst und das Land unheilig machte. Doch der Verfasser des Hebräerbriefs legt dar: Das nie endende Problem der Sünde weist auch auf die nie endende Lösung in Jesus hin (Hebräer 10,3-4). Israel brauchte einen Weg, nicht nur die Verunreinigung zu beseitigen, die seine Sünde verursachte, sondern die Herzen, die immer weiter sündigten, endgültig zu reinigen. Genau das hat das Schlachtopfer Jesu vollbracht. Sein Schlachtopfer wurde nur ein einziges Mal dargebracht – das heißt, es hat das Problem gelöst. Ein einmaliges Schlachtopfer bedeutet: Die Quelle der Sünde ist gereinigt worden (Hebräer 10,8-10). Darum werden alle, die durch das Schlachtopfer Jesu innerlich heilig gemacht worden sind, auch äußerlich immer heiliger werden.
Der Verfasser warnt: Menschen, die äußerlich immer stärker von Sünde verunreinigt werden, zeigen damit, dass sie innerlich nicht von der Sünde gereinigt worden sind. Wenn sie sich weigern, sich durch das Schlachtopfer Jesu reinigen zu lassen, bleibt nichts mehr übrig, was diese Aufgabe erfüllen könnte. Nichts reicht tiefer als sein Blut (Hebräer 10,26-27). Die jüdischen Leser des Verfassers sollten sich aus ihren eigenen Heiligen Schriften daran erinnern, dass es zum Tod führte, wenn jemand sich weigerte, sich mit dem Leben bedecken zu lassen, das der Schatten des Opfersystems anbot (Hebräer 10,28-31). Wie viel schlimmer muss dann erst das Schicksal dessen sein, der sich weigert, sich mit dem greifbaren Leben Jesu bedecken zu lassen?
Trotz dieser scharfen Warnung glaubt der Verfasser nicht, dass seine Leser die Reinigung durch Jesus abgelehnt haben (Hebräer 10,39). Im Gegenteil: Er lobt sie für das, was sie erreicht haben! Er hat äußere Heiligkeit an ihnen gesehen. Er kennt sie persönlich und hat gesehen, wie Jesus sie in ihrem Leben gereinigt hat: wie sie voller Freude öffentliche Erniedrigung, die Beschlagnahmung ihrer Häuser und sogar Zeit im Gefängnis ertragen haben (Hebräer 10,32-35). Sie müssen nur noch ein wenig länger geduldig durchhalten, bis Jesus mit ihrem Lohn zurückkommt (Hebräer 10,36-38).
Wo ist das Evangelium?
Das Schlachtopfer, das Gottes Volk reinigt und es innerlich wie äußerlich heilig macht, ist kein Ziegenbock und kein Stier, sondern das Blut Jesu (Hebräer 10,4). Gott selbst kam in der Person Jesu und starb, damit wir leben können. Und weil die greifbare Person Jesu die innere und die äußere Reinigung vollbringt, wird Gottes Volk durch und durch heilig gemacht. Sein einmaliges, für immer gültiges Schlachtopfer beweist, dass wir nicht mehr unheilig und sündig sind. Wären wir es noch, müsste er wieder und wieder sterben, wie der Schatten der alten Schlachtopfer. Doch weil er ein einziges Mal vollkommen gestorben ist, wissen wir: Wir sind für immer vollkommen rein.
Der Schatten schuf einen Weg für den Priester, in Gottes Thronsaal zu gehen. Er schuf einen Raum, in dem Israel rings um den Tempel Gott nahe sein konnte. Doch das Schlachtopfer Jesu gibt uns die Reinheit und die Zuversicht, selbst zu Gott zu kommen. Er ist unser Priester, der unsere sündigen Herzen gereinigt und uns in Gottes Thronsaal hineingeführt hat (Hebräer 10,19-22)! Und schließlich spricht der Verfasser des Hebräerbriefs von dem Tag, an dem die greifbare Wirklichkeit Jesu bei seiner Wiederkunft zu uns kommen wird (Hebräer 10,36-37). An jenem Tag wird er bei uns wohnen, und wir dürfen zuversichtlich sein, dass wir bei ihm wohnen werden. An jenem Tag wird das Allerheiligste nach Hause kommen. An jenem Tag werden wir bei ihm sein.
Sieh es selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der uns ein endgültiges Schlachtopfer gegeben hat. Und mögest du Jesus sehen, dessen einmaliges, für immer gültiges Schlachtopfer uns voller Zuversicht vor Gott bringt.

