Was geschieht hier?
Bisher gehen beide Freunde Hiobs davon aus, dass Hiob nicht so sündlos ist, wie er behauptet (Hiob 11,3-4). Zofar, Hiobs dritter Freund, geht sogar noch weiter und sagt, Hiob leide nicht so sehr, wie er es verdient hätte (Hiob 11,6). Er fordert Hiob auf, sich vorzustellen, wie es aussähe, wenn Gott ihn für all seine Sünden bestrafen würde! Doch wie Hiobs andere Freunde hält auch Zofar die Hoffnung auf Erneuerung aufrecht. Wenn Hiob mit seinen verborgenen Sünden aufhört, wird Gott ihm alles zurückgeben, was er verloren hat (Hiob 11,14-15).
Hiobs Freunde wollen, dass Hiob Buße tut und sein Leben in Ordnung bringt, damit er sein gutes Leben zurückbekommt. Doch Hiob geht es nur darum, seine Unschuld zu bewahren (Hiob 14,16). Noch wichtiger ist ihm: Hiob will, dass seine Beziehung zu Gott wiederhergestellt wird. Höre nur auf Hiobs Schrei: „Du wirst rufen, und ich werde dir antworten; du wirst dich nach dem Geschöpf sehnen, das deine Hände gemacht haben“ (Hiob 14,15).
Das heißt nicht, dass Hiob diese Bitte in vollkommener Weise vorbringt. Hiob maßt sich an, Gottes Beweggründe zu kennen (Hiob 9,13). Immer wieder deutet er an, Gott sei überkritisch (Hiob 13,25-26). Zu Recht weist Hiob das simple Verständnis seiner Freunde von Gottes Belohnung und Strafe zurück (Hiob 13,7). Doch zu Unrecht klagt er Gott an, Teil des Problems zu sein (Hiob 13,25).
Denk daran: Das Buch Hiob wurde nicht in erster Linie geschrieben, um uns das Beispiel eines Menschen zu zeigen, der auf gute Weise leidet. Es wurde geschrieben, damit wir richtig über Gott denken – besonders dann, wenn wir leiden.
Am Ende der ersten Redenrunde sind wir aufgefordert, sowohl Hiobs Sicht als auch die seiner Freunde über Gott und das Leid zu prüfen. Hiobs Freunde glauben, alles Leid sei verdient. Doch Hiob weiß, dass er unschuldig ist. Statt sich selbst die Schuld zu geben, beginnt Hiob deshalb, Gottes Gerechtigkeit infrage zu stellen. Er klagt Gott an, seine ganze Hoffnung langsam zunichtezumachen (Hiob 14,19).
Wo ist das Evangelium?
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hiob und seinen Freunden liegt darin, worauf sie hoffen. Zofar hofft – wie die anderen auch –, dass Hiob alles zurückerhält, was er verloren hat. Hiob aber hofft darauf, dass seine Beziehung zu Gott erneuert wird (Hiob 14,14).
Hiob will mit Gott reden; er sehnt sich danach, dass Gott selbst eine Beziehung zu ihm haben will (Hiob 14,15). Wenn eine solche Beziehung wieder bestehen kann, ist Hiob zuversichtlich, dass seine Unschuld bestätigt und jede Sünde zugedeckt und vergessen wird (Hiob 14,16-17).
Genau diese Art von Beziehung zu Gott ist in Jesus möglich. Wir sind Jesu Geliebte, und er sehnt sich nach uns – so, wie Hiob es erhofft hat (Hoheslied 7,10). Der Apostel Paulus vergleicht Jesu Verlangen nach uns mit der Liebe, die ein Ehemann für seine Frau hat. Und aus seiner großen Liebe heraus stirbt Jesus, damit seine Geliebte frei von allen Fehlern ist (Epheser 5,25-26).
In Jesus werden Hiobs Hoffnungen auf Beziehung erfüllt und sogar übertroffen. Jesus stellt nicht nur unsere Beziehung zu Gott wieder her und nennt uns unschuldig – wir werden innig eins mit Gott, weil sein Heiliger Geist in uns wohnt (Johannes 17,21). So wie Hiob gegen die Anklagen Zofars darauf beharrte, so beharrt der Heilige Geist darauf, dass unser Leid keine Strafe für unsere Sünde sein kann, denn diese Strafe ist ans Kreuz genagelt worden. Wir sind jetzt und für immer unschuldig (Römer 8,1).
Was auch immer unser Leid nahezulegen scheint: Gott quält uns nicht. Und wenn unser Leid uns das schwer glauben lässt, wird der Heilige Geist uns daran erinnern, dass unsere Schreie von einem Gott gehört werden, der ein liebender Vater ist und kein ungerechter Richter (Römer 8,14-16).
Sieh selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der eine Beziehung zu uns will. Und mögest du Jesus als den sehen, der uns mit seinem Heiligen Geist erfüllt, damit wir immer wissen – auch im Leid –, dass Gott noch immer bei uns ist.

