Was passiert hier?
Endlich spricht Gott zu Hiob – aus einem tobenden Sturm (Hiob 38,1). Erinnere dich: Hiob hat Gott vor Gericht gestellt, weil er sein Universum schlecht verwalte. Hiob will, dass Gott ihm erklärt, wie sein unschuldiges Leiden zu dem passt, was er von Gottes Gerechtigkeit und Güte versteht.
Doch statt auf seine Gerechtigkeit einzugehen oder sein Handeln zu erklären, stellt Gott Hiob eine lange Reihe rhetorischer Fragen, die zeigen, wie begrenzt Hiobs Wissen und Macht sind.
Zuerst nimmt Gott Hiob im Blick auf den Kosmos ins Verhör. Hiob war nicht dabei, als die Welt gemacht wurde (Hiob 38,4). Hiob kann das Meer nicht ausmessen (Hiob 38,11). Er weiß nicht, wie man ein Sonnensystem ordnet (Hiob 38,19), und schon gar nicht, wie man seine Sternbilder entwirft (Hiob 38,33).
Und dann nimmt Gott Hiob wegen seiner fehlenden Kontrolle über die wilden Tiere ins Verhör. Hiob kann keine Wildstiere zähmen (Hiob 39,9). Er hat nichts zur Kraft und Schnelligkeit der Wildpferde beigetragen (Hiob 39,19). Nicht Hiobs Weisheit hat den Falken das Fliegen ermöglicht (Hiob 39,26). Hiob kann sich in keiner Hinsicht mit dem Wissen und der Macht Gottes messen (Hiob 40,2). Und so bleibt Hiob stumm, während Gott ihn herausfordert (Hiob 40,5-6).
Gott lädt Hiob ein, für einen Moment wie Gott zu handeln (Hiob 40,9-10). Hiob hat ihn der Ungerechtigkeit beschuldigt und ihm vorgeworfen, sein Universum falsch zu verwalten (Hiob 40,8) – also sagt Gott ihm, er solle es besser machen; er solle Gerechtigkeit so durchsetzen, wie er meint, dass sie geschehen müsste (Hiob 40,12-13). Wenn Hiob ein kosmisches System bauen kann, das nach seinen Vorstellungen von Gerechtigkeit funktioniert, in dem die Unschuldigen niemals leiden, dann gibt Gott gern zu, dass Hiob recht hat und er unrecht (Hiob 40,14).
Der Punkt ist: Hiob kann dieses System nicht bauen. Offensichtlich hat Hiob nicht genug Informationen und nicht genug Macht, um Gott vorzuwerfen, er habe seine Welt unfair geordnet.
Wo ist das Evangelium?
Wie Hiob meinen wir, unser Verständnis von Gerechtigkeit reiche aus, um Gott anzuklagen, wenn Menschen unschuldig leiden. Aber das setzt voraus, dass wir ein zutreffendes Bild von Gerechtigkeit haben – und dass Gerechtigkeit wirklich die beste Weise ist, das Universum zu regieren.
In einer seiner Fragen an Hiob weist Gott darauf hin, dass er mit Regen auch unbewohntes Land tränkt (Hiob 38,26-27). Aber auf Grasland lässt sich Gerechtigkeit nicht anwenden. Wüsten können keine Belohnung verdienen. Auf diese Weise sagt Gott: Gerechtigkeit ist nicht die wichtigste Tugend beim Regieren der Welt – Weisheit ist es.
Es stimmt: In einer Welt, die nach Gerechtigkeit regiert wird, gäbe es keine unschuldig Leidenden. Doch in einer Welt vollkommener Gerechtigkeit wäre auch kein Raum für Fehler – und noch viel weniger für die Gnade des Regens auf Wüstenblumen.
Selbst ein Universum, das von Liebe und Barmherzigkeit regiert würde, hätte seine Probleme. Wirklich böse Menschen hätten Erfolg und würden wahrscheinlich sowohl das System als auch die Unschuldigen ausnutzen.
Das heißt also: Wir brauchen ein Universum mit Liebe und Gerechtigkeit, mit Barmherzigkeit und Leiden. Aber genau darum geht es Gott: Wie würdest du entscheiden, wer was bekommt? Welche Gesetze und grundlegenden Wahrheiten sollten gelten? Wie würdest du ein Universum bauen, in dem die Unschuldigen niemals leiden und die Bösen niemals Erfolg haben?
Der Punkt ist: Du bist nicht weise genug. Gott aber ist es. Gott lädt uns ein, uns zu demütigen und zuzugeben, dass wir es nicht besser wissen als er. Und zuzugeben, dass wir die Welt genau so bauen würden, wie sie jetzt ist, wenn wir alles wüssten, was Gott weiß.
Und wenn wir Gottes Weisheit vertrauen, werden wir frei, die Weisheit von Jesu Kreuz zu erkennen. In Jesus küssen sich Liebe und Gerechtigkeit (Psalm 85,11).
Jesus stirbt als ein unschuldig Leidender, damit sogar denen vergeben werden kann, die es nicht verdienen. In Hiobs Welt der Gerechtigkeit wäre Jesu selbstaufopfernde Liebe nicht möglich. In Hiobs Welt der Gerechtigkeit bekämen wir nur das, was wir verdienen. Doch wenn wir Gott und seiner weisen Welt vertrauen, in der Liebe und Gerechtigkeit sich begegnen, dann leiden wir vielleicht ungerecht – aber wir werden immer Liebe erfahren, die wir nicht verdienen.
Überzeuge dich selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der mit Weisheit regiert. Und mögest du Jesus sehen als den, der unschuldig leidet, damit wir unverdiente Liebe erfahren können.

