Was geschieht hier?
Nach Gottes Rede wird Hiob demütig. Er gibt zu, dass er Gott angeklagt hat, ohne genug zu wissen oder zu verstehen (Hiob 42,3). Hiob schämt sich dafür, wie er Gott beschuldigt hat, und tut Buße (Hiob 42,6).
Dann wendet sich Gott an Hiobs Freunde und weist sie zurecht, weil sie ein noch schwerwiegenderes falsches Bild von Gott verbreitet haben (Hiob 42,7). Ihr Missverständnis darüber, wie Gott mit Hiob und mit Leid überhaupt umgeht, war so ungeheuerlich, dass es ein Schlachtopfer erforderte (Hiob 42,8). Danach gibt Gott Hiob alles zurück, was er verloren hatte. Er verdoppelt es sogar (Hiob 42,10).
Es ist schwer zu verstehen, warum genau Gott Hiobs Wohlstand wiederherstellt. Das ganze Buch hat dargelegt, dass Gott nicht nach einem starren Ursache-Wirkung-System der Gerechtigkeit handelt. Hiob für seine Buße zu belohnen scheint kontraproduktiv – ganz abgesehen davon, dass wiedergewonnener Reichtum das Leid nicht auslöscht. Hiobs neue Kinder ersetzen nicht die verlorenen und heilen auch nicht seine Trauer über sie (Hiob 42,12-13).
Denk daran: Im Buch Hiob geht es nicht darum, zu erklären, warum Hiob leiden musste; es geht um Gott und darum, wie er sein Universum regiert. Der Ankläger sagte, Gott handle falsch, wenn er den Rechtschaffenen belohnt (Hiob 1,9). Hiob sagte, Gott handle falsch, wenn er den Unschuldigen leiden lässt (Hiob 40,8). Die Freunde bestehen darauf, dass Gott nach ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit handelt (Hiob 4,7).
Und das Buch Hiob hat gezeigt: Sie alle haben sich geirrt.
Gutes Verhalten zu belohnen bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir aus falschen Motiven handeln werden. Gottes Wesen aufgrund unseres begrenzten Wissens oder unserer begrenzten Macht zu beurteilen ist unangemessen. Und Gott an unser Verständnis von Gerechtigkeit zu binden, um andere für ihr Leid verantwortlich zu machen, ist töricht.
So können wir Hiobs wiederhergestellten Reichtum als das sehen, was er sein soll – ein Geschenk. Hiob verdient keinen Wohlstand. Gott ist nicht verpflichtet, sein Vermögen zu verdoppeln. Hiobs Wohlstand war nie Gottes mechanische Reaktion auf seinen Gehorsam, sondern ein Beleg dafür, dass Gott Freude daran hat, einen Mann zu segnen, auf den er stolz ist.
Wo ist das Evangelium?
Gott regiert sein Universum gut. Er regiert es in Weisheit und in Liebe, auch wenn wir nicht verstehen, wie das zusammengeht. Leid ist nur dann eine Bedrohung für Gottes Weisheit und Liebe, wenn wir meinen, klüger zu sein als Gott, und glauben, unser Verständnis von moralischer Ursache und Wirkung sei besser fundiert als sein unendliches Wissen. Das Buch Hiob lädt uns ein, unseren Stolz abzulegen und uns vor Gottes Weisheit und Liebe zu demütigen.
Das Buch Hiob lädt uns ein, darauf zu vertrauen, dass Gott auf uns stolz ist – selbst wenn wir töricht sind. Und darauf zu vertrauen, dass Gott es liebt, seinen Kindern gute Gaben zu schenken (Matthäus 7,11).
Ja, Gott liebt den Gehorsam gegenüber seinen Regeln und Gesetzen. Aber unser Gehorsam ist nicht die Voraussetzung für seine Liebe. Gott ist Liebe, auch wenn wir leiden (1. Johannes 4,8). Und Gottes größtes Geschenk war sein Sohn. Jesus wurde nicht gesandt, weil wir es verdient hätten, sondern weil er uns liebt – selbst dann, wenn wir ein falsches Bild von ihm verbreiten, so wie Hiob und seine Freunde es taten (Johannes 3,16).
Es ist eine Frohe Botschaft, dass Gott sein Universum nicht nach unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit verwaltet. Es ist eine Frohe Botschaft, dass Gott nicht nach dem Grundsatz regiert: „Ich helfe denen, die sich selbst helfen.“ Und es ist eine Frohe Botschaft, zu wissen: Auch wenn unser Leid es so aussehen lässt, als sei Gott gegen uns – Gott ist immer für uns (Römer 8,31).
Der Apostel Paulus sagt, dass in der Weisheit und Gnade Jesu unser Reichtum nicht bloß verdoppelt wird. Wir sind mit jedem geistlichen Segen gesegnet (Epheser 1,3). Und dieser Segen kommt nicht, weil wir ihn verdient hätten, sondern weil wir darauf vertrauen, dass Gott auch in unserem Leid liebevoll, gnädig und weise ist (Epheser 1,7-8).
Überzeuge dich selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen, damit du den Gott siehst, der sein Universum in Weisheit und Liebe regiert. Und mögest du Jesus als den erkennen, der uns nicht nach unseren Maßstäben von Gerechtigkeit behandelt, sondern mit unverdienter Liebe.

