Was passiert hier?
Hiobs Freunde werden immer frustrierter über ihn. Deshalb verbringen sie den größten Teil ihrer Reden damit, Hiob in das Schicksal der Gottlosen hineinzuziehen. Bildad beschreibt die Folgen davon, Gott abzulehnen – und zwar so, dass sie Hiobs eigenem Leiden gleichen (Hiob 18,19). Dann schreibt er Hiob ab, weil dieser Gott nicht kenne (Hiob 18,21). Zofar tut dasselbe und behauptet, Hiobs Leiden sei der Beweis dafür, dass Gott zornig auf ihn ist (Hiob 20,28).
Aber Hiob kennt Gott. Und wir wissen, dass Gott nicht zornig auf ihn ist (Hiob 1,8). Hiobs Freunde ziehen unzulässige Schlüsse über Hiob, weil sie ein Stück biblischer Wahrheit zu weit treiben. Das Buch der Sprüche redet ausführlich davon, wie Gott die Aufrichtigen belohnt und die Gottlosen bestraft (Sprüche 11,21). Und als Beschreibung von Gottes Gerechtigkeit ist das wahr. Doch die Bibel macht nie den Sprung, den Bildad, Elifas und Zofar bei Hiob machen. Die Bibel sagt nie, dass jeder, der leidet, gottlos ist. Die Bibel sagt nie, dass Gesundheit und Reichtum unwiderlegbare Zeichen für gutes Verhalten sind.
Darum beschreibt Hiob im ganzen Kapitel 21 ausführlich, wie es gerade den Gottlosen – und nicht den Aufrichtigen – gut geht. Böse Menschen leben ständig ohne Furcht und sind von Reichtum umgeben (Hiob 21,9.13). Hiob macht deutlich, dass die Vorstellungen seiner Freunde von Gott und Gerechtigkeit falsch sind. Ihre Weltanschauung lässt keinen Raum für die realen und offensichtlichen Kategorien von unschuldigem Leiden und dem Wohlstand der Bösen.
Das bedeutet aber nicht, dass Hiob Gott und das Leiden versteht. Hiob vergleicht Gott mit einem erbarmungslosen Raubtier (Hiob 16,13). Er beschuldigt Gott, im Zorn gegen ihn losgeschlagen zu haben (Hiob 19,11). Er deutet auch an, dass Gott es versäumt, das Böse zu richten (Hiob 21,30-31).
Je heftiger Hiob gegen Gott redet, desto lauter werden auch seine Rufe nach jemandem, der ihn vor Gott vertritt. Hiob will, dass jemand beweist: Es ist möglich, unschuldig zu sein und trotzdem zu leiden. Hiob ist fest davon überzeugt, dass ein Erlöser – ein Anwalt – in seinem Leiden zu ihm stehen, seine Sache vor Gott vertreten und ihm helfen wird zu verstehen, warum ihm all das geschehen ist (Hiob 19,25-26).
Wo ist das Evangelium?
Manche von uns leiden ständig, und wir alle leiden manchmal.
Und wenn wir leiden, übernehmen wir leicht die unbiblische Vorstellung, dass alles Leiden eine Folge von Sünde ist und aller Erfolg eine Folge unseres Gehorsams. Dann fällt es noch leichter, uns selbst die Schuld zu geben. Wir glauben – genau wie Hiobs Freunde immer wieder behaupteten –, dass wir selbst der Grund für unser Leiden sind.
Diese Logik hat auf grausame Weise etwas Einleuchtendes. Es klingt einleuchtend, unsere Armut auf unsere Faulheit zu schieben. Oder zu denken, Gott zahle es uns nun endlich heim für all die dummen Dinge, die wir als Jugendliche getan haben (Hiob 13,26). Wer von uns chronisch krank ist, fragt schnell: „Was habe ich getan, dass ich das verdient hätte?“ Und wenn du siehst, wie andere schneller vorankommen als du, kommt dir leicht der Gedanke, Gott müsse sie mehr lieben als dich.
Wenn unsere Gedanken, unsere Welt und unsere Freunde uns für unser unschuldiges Leiden verantwortlich machen, brauchen wir einen Anwalt, der uns an unsere Unschuld erinnert. Wir brauchen einen Erlöser, der unseren guten Namen wiederherstellt – selbst wenn es nur vor einer Stimme in unserem Kopf ist. Und dieser Erlöser ist Jesus.
Jesus nennt uns unschuldig, wenn wir ihm vertrauen (Römer 3,22). Jesus kämpft gegen jeden Gedanken und jeden Freund, der unser Leiden gegen uns benutzt, um seinen theologischen Standpunkt zu beweisen (Römer 8,31). Wenn Gott seinen eigenen Sohn hingegeben hat, um uns in seine Familie aufzunehmen – wie sollte er uns dann nicht auch alles geben, was nötig ist, um unseren guten Namen vor unseren Anklägern zu retten (Römer 8,32)? Keine Schuldzuweisung hat Bestand, und kein Leiden ist ein Beweis dafür, dass wir von der Liebe Jesu getrennt sind (Römer 8,35).
Sieh selbst
Möge der Heilige Geist dir die Augen öffnen für den Gott, der die Aufrichtigen belohnt und die Gottlosen bestraft. Und mögest du Jesus als den Erlöser sehen, der lebt und uns vor Gericht Gehör verschafft.

