Was geschieht hier?
Ein Überrest, eine kleine treue Schar von Israeliten, kehrt endlich aus dem Exil in Persien nach Hause zurück (Esra 2,1). Das ist nicht bloß ein politisches Ereignis, das von Persien ausgeht, sondern ein Zeichen dafür, dass Israels Beziehung zu Gott wiederhergestellt wird. Gott hatte Abraham verheißen, dass seine Nachkommen in Israel leben und zu einem Volk werden würden, dessen Zahl niemand zählen kann (1. Mose 12,2). Und so wie Israels erste Einwanderung in das Land mit einer langen Volkszählung begann, so beginnt auch die Einwanderung, die Esra anführt (4. Mose 1,2; Esra 2,2).
Doch diese Geschichte von Exil und Rückkehr handelt letztlich von unerfüllten Erwartungen. Verglichen mit den Hunderttausenden, die Mose zählte, kehren mit Esra nur einige Tausend zurück (Esra 2,64; 4. Mose 26,51). Und manche von ihnen können nicht einmal nachweisen, dass ihre Familien überhaupt zu Israel gehören (Esra 2,59). Doch es gibt noch Hoffnung. Zerubbabels Stammbaum ist stark geblieben. Er ist ein Nachkomme Abrahams und auch des Königs David (vgl. Matthäus 1,1-13). Gott hatte verheißen, dass einer von Davids Söhnen für immer neben seinem Tempel regieren würde (2. Samuel 7,16). Wenn irgendjemand Israel wiederherstellen kann, dann Zerubbabel! Voller Hoffnung bringen Zerubbabel und seine Leute Schlachtopfer dar und legen ein neues Fundament für Gottes Tempel (Esra 3,10). Vielleicht fragten sie sich, ob Gott den Tempel wieder erfüllen und ihr Volk aufrichten wird, wenn sie die Schlachtopfer ihrer Vorfahren wiederholen.
Doch während das Volk die Fertigstellung des Tempelfundaments feiert, weinen die älteren Männer genauso laut (Esra 3,12). Sie erinnern sich: Dieses Fundament ist nichts im Vergleich zu dem Tempel, den Salomo gebaut hatte (1. Könige 6,21-22). Wie die enttäuschende Volkszählung ist dieser geringere Tempel eine weitere unerfüllte Erwartung Israels. So vielversprechend Israels Rückkehr, Zerubbabels Führung und ein neuer Tempel auch sind – Gottes Verheißungen haben sich noch nicht erfüllt.
Wo ist das Evangelium?
Trotz Israels Enttäuschung hielt Gott an den Verheißungen fest, die er Abraham und David gegeben hatte. Ja, er würde gerade ihre unerfüllten Erwartungen benutzen, um zu verwirklichen, was er verheißen hatte. Israel tat recht daran, Gottes Güte selbst in der Enttäuschung zu feiern (Esra 3,11).
Sogar als Jesus kam, um Israels Exil endgültig zu beenden und ihren Tempel in sich selbst neu zu bauen, war es weniger eindrucksvoll als erwartet. Jesus kehrte nicht mit Hunderttausenden aus Ägypten zurück, sondern nur mit seiner einen Familie (Matthäus 2,21). Und wie bei vielen Familien in Esra war Jesu Abstammung zweifelhaft. Er kam aus einem abgelegenen Nest und wurde unter fragwürdigen Umständen geboren (Johannes 1,46). Tatsächlich gehörten zu seinem Stammbaum auch Heiden. Jesus war nicht der König aus Davids Stammbaum, den Israel erwartet hatte (Johannes 7,52).
Auch Jesu Leben und seine Herrschaft waren nicht so, wie Israel es erwartete. Seine eigenen Jünger konnten nicht glauben, dass Jesus vorhatte, an einem Kreuz zu sterben (Matthäus 16,22). Doch indem er von den Toten auferstand, zeigte Jesus, dass Gottes Liebe auch durch unerfüllte Erwartungen hindurch bestehen bleibt. Auch wenn er der Erlöser war, den sie nicht erwartet hatten, war er ihr größter Tempel und König. Wie Zerubbabel baute er Gottes Tempel neu – nicht nur in sich selbst, sondern auch in uns (1. Petrus 2,4-5). Wir sind jetzt erfüllt von seiner Gegenwart und sind der Überrest eines neuen Reiches, eines neuen Israel, das Gott sich ganz besonders zu Eigen gemacht hat (1. Petrus 2,10). In Jesus werden unerfüllte Erwartungen zu herrlichen, überraschenden Enden. Und so wie niemand von einem Senfkorn viel erwartet, so werden wir als neues Volk Gottes größer werden und mehr von Gottes Gegenwart erfahren, als es in Israel jemand für möglich gehalten hätte (Matthäus 13,32).
Überzeuge dich selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der durch unerfüllte Erwartungen hindurch treu bleibt. Und dass du Jesus siehst, der unerfüllte Erwartungen in herrliche, überraschende Enden verwandelt.

