Was geschieht hier?
Paulus hat gerade gesagt, dass die ganze Menschheit ihren Schöpfer verworfen hat und Gott die Menschen daraufhin der Selbstzerstörung und dem Tod ausgeliefert hat. Viele Juden dachten jedoch, sie seien von dieser zerbrochenen Beziehung zu Gott ausgenommen. Gott war mit Israel eine besondere Beziehung eingegangen. Er gab ihnen Gesetze, nach denen sie leben sollten, und mit der Beschneidung ein besonderes Symbol, das sie von anderen abgrenzte. Gott versprach sogar, dass die Gesetze, die er Israel gab, eines Tages das Gesetz sein würden, das die ganze Welt regiert, wenn sein Reich endlich anbricht. Aber Paulus sagt, dass die Beziehung des jüdischen Volkes zu Gott genauso zerbrochen ist wie die der übrigen Menschheit. Und die Juden sind genauso unrechtschaffen und götzendienerisch wie der Rest der Welt (Römer 2,1-3). Es stimmt, dass Gott den Juden eine besondere Beziehung zu sich geschenkt hat, aber das verschafft ihnen nicht automatisch ein gutes Ansehen vor Gott und entschuldigt auch nicht ihren Ungehorsam gegenüber Gottes Gesetzen (Römer 2,4). Und so, wie es steht, brechen die Juden Gottes Gesetze ständig (Römer 2,5). Gott richtet alle Menschen, nicht nur die Nichtjuden. Gottes Gesetze bloß zu besitzen, bringt nichts, besonders dann nicht, wenn diese Gesetze nicht anerkannt und befolgt werden (Römer 2,6-11). Das jüdische Volk wird also nicht schon deshalb, weil es das Gesetz besitzt, von Gottes Gericht ausgenommen (Römer 2,12-16).
Wenn überhaupt, hat die Klarheit und Genauigkeit von Gottes Offenbarung an die Juden ihre Schuld vor Gott nur vergrößert. In ihrem Stolz behaupten sie, die Einzigen zu sein, die Gottes Gesetze für die Welt kennen, und doch sind sie die Ersten, die sie brechen (Römer 2,17-24). Nicht einmal die Beschneidung, das entscheidende Zeichen dafür, zu Gottes geschichtlichem Volk zu gehören, verschafft den Juden einen Vorteil gegenüber dem Rest der Welt. Das Zeichen der Beschneidung ist in dem Augenblick aufgehoben, in dem ein Jude auch nur eines von Gottes Gesetzen bricht. Umgekehrt fragt Paulus: Wenn ein unbeschnittener Mensch Gottes Gesetze befolgt, wird Gott ihn dann nicht als wahres Mitglied seines Volkes ansehen? Paulus besteht darauf: Weder der Besitz von Gottes Gesetzen noch die Beschneidung verschafft den Juden im Vergleich zum Rest der Welt ein besseres Ansehen vor ihrem Schöpfer (Römer 2,25-29).
Wo ist das Evangelium?
Paulus rechnet damit, dass seine jüdischen Leser denken werden, er sage, es habe überhaupt keinen Wert, Jude zu sein oder beschnitten zu sein. Aber Paulus sagt, das stimmt nicht. Zunächst einmal hat Gott dem jüdischen Volk durch seine Worte und Gesetze die Zusage eines ewigen Reiches gegeben (Römer 3,1-2). Trotz ihres Ungehorsams hat Gott seine Versprechen an sein Volk von einst treu gehalten (Römer 3,3-8). Ja, alle Menschen haben Gott und seine Gesetze verworfen und stehen im Widerspruch zu dem Schöpfer, der ihnen das Leben gegeben hat (Römer 3,9-18). Diese zerbrochene Beziehung ist allumfassend, und nicht einmal Gottes auserwähltes Volk kann mit seinen Gesetzen und besonderen Zeichen in das rechtschaffene Reich eintreten, das Gott aufbaut (Römer 3,19-20). Aber genau dafür ist Jesus gekommen. Er kam, um allen Menschen, die ihm vertrauen, ein gutes Ansehen vor ihrem Schöpfer und Zugang zu Gottes ewigem Reich der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit zu schenken (Römer 3,21-23).
Aber vielleicht fragst du dich … wie genau bringt Jesus meine zerbrochene Beziehung zu Gott wieder in Ordnung? Und warum genau musste Jesus sterben, um mir ein gutes Ansehen vor meinem Schöpfer zu verschaffen? Genau diese Frage beantwortet Paulus als Nächstes. Paulus erklärt: Als Jesus am Kreuz starb, starb er als »Schlachtopfer der Abbitte« (Römer 3,25-26). Paulus bezieht sich dabei auf das Buch 3. Mose und auf eine besondere Zeremonie, die am Tag der Versöhnung vollzogen wurde. An diesem Tag wurde ein Lamm geschlachtet, und sein Blut wurde über dem ganzen Tabernakel Israels gesprengt und reinigte ihn. Sinnbildlich leistete das Leben des Tieres Abbitte für den Tod und die Selbstzerstörung, die Israel verübt hatte. Durch dieses Schlachtopfer erhielt Gottes Volk für das kommende Jahr ein gutes Ansehen vor Gott (3. Mose 16). Doch das Leben eines Tieres kann keine Abbitte leisten für den Tod, den die Menschen in der Welt angerichtet haben. Paulus sagt sogar, dass Gott die Selbstzerstörung der Menschheit und ihre todbringenden Wege jahrhundertelang nicht angegangen hat. Das Lamm der Abbitte wies auf den Tag hin, an dem Jesus sein Leben für unseren Tod geben konnte. Jesu Blut hat Gottes Volk vollständig und endgültig gereinigt und hat Abbitte geleistet für allen Tod, den wir in die Welt gebracht haben. Gottes Volk hat sein gutes Ansehen vor dem Schöpfer immer dadurch erhalten, dass es Gottes Schlachtopfer der Abbitte vertraut hat. Wir müssen nicht einen Haufen Gesetze befolgen, um unsere Beziehung zu Gott in Ordnung zu bringen. (Und zum Glück müssen wir uns auch nicht beschneiden lassen!) Von den ersten Seiten der Bibel an ist die Frohe Botschaft dieselbe: Wir erhalten ein gutes Ansehen vor unserem Schöpfer und Zutritt zu seinem Reich einfach dadurch, dass wir darauf vertrauen, dass Jesus unser Schlachtopfer der Abbitte ist.
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der seine Rechtschaffenheit offenbart hat. Und mögest du Jesus als den erkennen, der uns durch sein Schlachtopfer ein gutes Ansehen geschenkt hat.

