Was geschieht hier?
In den ersten acht Kapiteln seines Briefes an die Römer hat Paulus erklärt, wie Gottes Zusagen an Israel auch nichtjüdischen Menschen zuteilwerden – durch den Glauben an Jesus. In Jesu Tod und Auferstehung hat Gott seine Macht gezeigt: Er rettet sein Volk, macht Unrecht wieder gut, straft das Böse und errichtet sein ewiges Reich der Gerechtigkeit und Fairness. Das ist eine großartige Nachricht für die Welt, aber sie löst bei Paulus auch eine tiefe Trauer aus. Alle Zusagen Gottes an Israel haben sich erfüllt, doch die meisten seiner jüdischen Landsleute haben Jesus abgelehnt (Römer 9,1-5). Während sich Tausende und Abertausende von Nichtjuden den Zusagen Gottes angeschlossen haben, erfährt die Mehrheit von Paulus’ jüdischen Landsleuten die Güte von Gottes Königreich gegenwärtig nicht. Für manche klingt das so, als wären Gottes Zusagen an Israel gescheitert. Doch Paulus zeigt in den nächsten drei Kapiteln, dass Gott den Zusagen, die er Israel in der ganzen hebräischen Bibel gegeben hat, weiterhin treu ist (Römer 9,6).
Gott ist seinen Zusagen weiterhin treu, denn ein wahrer Israelit zu sein hing nie daran, leiblich von Abraham abzustammen. Nicht allen Söhnen Abrahams wurden Gottes Zusagen gegeben, sondern nur Isaak. Und auch nicht alle Kinder Isaaks empfingen Gottes Zusagen, sondern nur Jakob. Ein wahrer Jude ist nicht jemand, der seine Abstammung auf Abraham zurückführen kann, sondern jemand, den Gott erwählt, um seine Zusagen zu empfangen (Römer 9,7-13). Für Paulus folgt daraus: Wenn Gott einen Teil der Juden erwählen kann, um seine Zusagen zu empfangen, dann kann Gott auch Nichtjuden dazu erwählen. Anschließend zitiert er mehrere Stellen aus dem Alten Testament und belegt damit, dass es immer schon Gottes Plan war, nichtjüdische Menschen in seine Familie aufzunehmen (Römer 9,24-29). Gott bricht seine Zusagen an die Juden nicht, indem er Heiden erwählt – er hält sie damit. Während manche Juden zeigen, dass Gott sie nicht erwählt hat, hat Gott dennoch viele Heiden erwählt, damit sie durch den Glauben an Jesus zu Abrahams Familie gehören.
Wo ist das Evangelium?
Mitten in seinem Gedankengang hält Paulus inne, um eine Frage zu beantworten: Ist es nicht ungerecht, wenn Gott manche Menschen erwählt, seine Zusagen zu empfangen, und andere nicht? Auf diese Frage antwortet Paulus: „Absolut nicht!“ Ungerecht wäre es, den Zugang zu Gottes Reich von irgendetwas anderem abhängig zu machen als von Gottes Wahl. Wenn das Empfangen von Gottes Zusagen von irgendetwas anderem abhängen würde als von seiner Wahl – ob von menschlicher moralischer Leistungsfähigkeit oder von der ethnischen Herkunft –, dann würden dadurch sofort manche ausgeschlossen (Römer 9,14-16). Wenn Gott erwählt, ist er nicht ungerecht, sondern barmherzig. Nur durch seine barmherzige Wahl können nichtjüdische Heiden, religiöse Juden und alle dazwischen Gottes Zusagen empfangen und für immer bei ihm leben.
Paulus belegt das aus der Geschichte Israels. Gott entschied sich, das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu retten, und indem er Israel erwählte, erwählte er Ägypten nicht. Stattdessen machte er das Herz des Pharao von Ägypten hart gegen den Gedanken an Israels Freiheit (Römer 9,17). Obwohl der Pharao zusah, wie Gott sein Reich Stück für Stück zerstörte, weigerte er sich, Gottes Volk freizulassen. Aber aus dem Buch Josua erfahren wir, dass Gottes Wahl in Ägypten dazu führte, dass Nichtjuden in aller Welt Gott vertrauten und sich seinem Königreich anschlossen (Josua 2,8-11; 9,3-21). An anderer Stelle weist Paulus darauf hin, dass das verhärtete Herz des Pharao veranschaulicht, wie Gottes scheinbar ungerechte Wahl zu einer weltweiten Barmherzigkeit werden kann (Römer 10,18; 2. Mose 9,16). Der Grund, weshalb Gott den Pharao nicht erwählte, war, dass er sich der Welt erbarmen wollte. So widersinnig es erscheint: Gottes gegenwärtige Wahl der Heiden ist der Weg, auf dem er seine Zusagen aus der hebräischen Bibel einhält. Genau wie Gott einst Israel erwählte und den Pharao nicht erwählte – und das dazu führte, dass die Welt die Macht Gottes erkannte –, so hat Gott Heiden erwählt, damit Gottes Barmherzigkeit noch reichlicher über die Juden ausgegossen werden kann.
Paulus sagt, dass wir Gottes Denken nicht restlos erfassen können und auch nicht, warum er die Entscheidungen trifft, die er trifft (Römer 9,19-21). Paulus legt nahe, dass wir nicht nach Antworten forschen sollten, die wir selbst dann nicht verstünden, wenn Gott sie uns nennen würde. Stattdessen sollten wir demütig über Gottes Geduld und Freundlichkeit gegenüber Menschen nachdenken (ob jüdisch oder nicht), die ihn schon lange hassen (Römer 9,22-23). Er erträgt ihren Hass, damit durch seine Geduld mehr Menschen von seiner Macht hören und seine Barmherzigkeit empfangen. Wie Paulus an anderer Stelle gesagt hat, zeigt sich Gottes geduldige Liebe zu seinem Volk am deutlichsten in Jesus. Er starb nicht für gute Menschen, sondern für Gotteshasser und Feinde (Römer 5,10). Auch wenn wir also nicht alle Antworten haben, so haben wir doch Gottes Herz, das alle Menschen in seine Familie aufnehmen will – sichtbar geworden im kostbaren Schlachtopfer von Gottes erwähltem jüdischem Sohn, Jesus. In ihm werden alle Menschen zu Söhnen und Töchtern Gottes und erhalten Zugang zu allen Zusagen Gottes.
Überzeuge dich selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der allen Menschen Barmherzigkeit erweisen will. Und mögest du sehen, dass Jesus uns Gottes Herz zeigt, das alle Menschen zu einem Teil seiner Familie machen will.

