Was passiert hier?
Mose erklärt dem Volk Israel weiter die Zehn Gebote, bevor sie in das Gelobte Land hineingehen. In diesem Abschnitt richtet er den Blick vielleicht sogar besonders scharf auf das sechste Gebot: Du sollst nicht morden.
Denn Mord missachtet menschliches Leben. Und wenn Mose dieses Gebot entfaltet, spricht er darum über all die Wege, auf denen Gott möchte, dass wir das Leben und die Würde anderer achten.
Er geht darauf ein, wie man für unaufgeklärte Morde Sühne erlangt, wie weibliche Gefangene gerecht behandelt werden sollen (5. Mose 21,14), wie ein Sohn vor einem ungerechten Vater und ein Vater vor einem widerspenstigen Sohn geschützt wird. Die Gesetze reichen weiter bis zu Dingen wie der Sorge für den Besitz deines Nachbarn und dessen Rückgabe, wenn du ihn findest, und bis zur strengen Strafe für Männer, die der Vergewaltigung beschuldigt werden (5. Mose 22,26).
Aber auch kleine Fragen der Achtung des Lebens finden sich hier. Die Menschen müssen darauf achten, ein Geländer um ihre Dächer zu bauen, damit niemand hinunterfällt und sich verletzt (5. Mose 22,8). Selbst Vögel werden geschützt. Ein Israelit darf die Eier eines Vogels nehmen, aber nicht auch die Mutter (5. Mose 22,6). In einem gewissen Sinn erstreckt sich die Achtung vor dem Leben und die Gerechtigkeit bis in die Tierwelt.
Zwei zentrale Merkmale kommen in all diesen Geboten zum Vorschein. Das erste ist Gottes Wunsch nach Fairness, Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. Er gab Frauen, Kindern und Fremden einen Schutz und Rechte, die andere Gesellschaften der Antike nicht kannten.
Das zweite Merkmal ist Gottes Entschlossenheit, Israel und sein Land rein zu halten. Immer wieder wird die Wendung „Beseitige das Böse aus deiner Mitte“ wiederholt, wenn davon gesprochen wird, warum Israel diese Gebote und die dazugehörigen Strafen befolgen muss (5. Mose 22,22b).
Sünde muss bestraft werden. Blutschuld muss gesühnt werden. Das Böse muss ausgetrieben werden.
Denn Gott nimmt Wohnung bei diesem Volk. Und wenn sie das Böse nicht aus ihrer Mitte beseitigen, dann wird Gott es tun.
Wo ist das Evangelium?
Die Frohe Botschaft von Jesus ist: Wenn er kommt und Wohnung bei uns nimmt, dann reinigt er uns wirklich von allem Bösen und aller Schuld (1. Johannes 1,9). Er wartet nicht, bis wir uns selbst in Ordnung gebracht haben, sondern er kommt und tut es für uns.
Wie hoch Gott menschliches Leben schätzt – wovon dieser Abschnitt spricht –, wird im Evangelium auf mindestens zwei eindrückliche Weisen sichtbar.
Erstens: Gott wurde selbst ein menschliches Leben. Zweitens: Er, der das Morden verbietet und für die Bewahrung des Lebens kämpft, ließ zu, dass man ihn ermordete, und bewahrte sein eigenes Leben nicht.
Aber weil er das getan hat, kann er nun kommen und durch den Heiligen Geist in uns wohnen und Tag für Tag daran arbeiten, uns tatsächlich zu Menschen zu machen, die einander mit derselben Achtung behandeln, die er für menschliches Leben hat.
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, dem die Würde und der Wert des Lebens tief am Herzen liegen. Und dass du Jesus als den erkennst, der freiwillig sein Leben hingegeben hat, um unser Leben von allem Bösen zu reinigen.

