Was geschieht hier?
Mose hat die ersten fünf Gebote behandelt und beginnt nun, die letzten fünf zu entfalten – Mord, Ehebruch, Diebstahl, Lüge und Begehren.
Was den Mord betrifft: Was soll Israel tun, wenn jemand versehentlich getötet wird? Es wird zwischen vorsätzlichem Mord und einer versehentlichen Tötung unterschieden (5. Mose 19,4). Wer mordet, dem droht als Strafe der Tod. Doch wer an einem Unfalltod beteiligt ist, für den wird eine Zufluchtsstadt bereitgestellt, in die er fliehen kann und wo er sicher ist.
Und was ist mit der Lüge? Wenn ein Lügner dabei ertappt wird, dass er vor Gericht jemanden für etwas bestrafen lassen will, das dieser gar nicht getan hat, dann wird der Lügner selbst zu genau der Strafe verurteilt, die er einem anderen zufügen wollte (5. Mose 19,19). Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Dann sind da noch Diebstahl und Begehren, die in den Regeln über die Kriegsbeute behandelt werden. Die Heere müssen alles der Vernichtung weihen, wenn sie Städte im Gelobten Land einnehmen (5. Mose 20,16). Doch aus Städten außerhalb des Gelobten Landes darf Beute genommen werden. Israel muss sich zurückhalten und darf nicht begehren oder stehlen, was Gott der Vernichtung geweiht hat.
An diesen Geboten sehen wir: Gott liegt daran, die Unschuldigen zu schützen und die Schuldigen zu bestrafen. Diese beiden Dinge stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind zwei Seiten derselben Medaille. Diese Medaille heißt Gerechtigkeit. Doch weder wir noch unsere Gesellschaften haben die Unschuldigen vollkommen geschützt oder das Böse vollkommen bestraft.
Wo ist das Evangelium?
Genau deshalb ist das Evangelium eine so verblüffend Frohe Botschaft. Jesus ist gerecht und macht zugleich gerecht (Römer 3,26). In ihm zuckt Gott angesichts von Mord, Lüge oder Habgier nicht gleichgültig mit den Schultern, sondern bringt das Böse ans Licht, richtet es und schafft dann einen Weg, schuldige Menschen gerecht zu machen. Am Kreuz hat Gott „die Sünde im Fleisch verurteilt“ (Römer 8,3). Das Urteil trifft unsere Sünde, und in Jesu Tod findet die alte, gewalttätige, lügende, begehrende Menschheit endlich ihr rechtmäßiges Ende (Römer 6,6).
Zugleich ist dieser Tod unsere Rettung. Durch den Glauben sind wir mit Jesus verbunden, sodass seine Geschichte zu unserer wird. Unsere Schuld und unser Blutvergießen werden in seinen Tod hineingenommen, und seine Unschuld und sein Leben werden uns als Geschenk zurückgegeben. Die Vergeltungslogik des Auge um Auge trifft das alte Ich, das mit Christus gekreuzigt wird, und was aus dem Grab aufersteht, ist eine neue Schöpfung, die Gott und den Nächsten wirklich lieben kann (Römer 6,4). Die Gerechtigkeit wird nicht aufgegeben; sie geht durch Tod und Auferstehung hindurch und kommt auf der anderen Seite als Barmherzigkeit heraus.
Jesus ist auch unsere Zufluchtsstadt. Wenn wir zu ihm fliehen, selbst mit Blut an den Händen, lautet das Urteil über uns: „keine Verurteilung“ (Römer 8,1). Er ist der, über den vor Gericht gelogen wurde, und doch tat er seinen Mund nicht auf, sondern vertraute sich dem Vater an, der gerecht richtet (Matthäus 26,59; 1. Petrus 2,23). Er ist der, der jedes Recht gehabt hätte, die ganze Welt der Vernichtung zu weihen, und der doch stattdessen den Hass der Welt auf sich fallen ließ, damit die Welt gerettet werde (Johannes 3,16–17). An seinem Kreuz wird die Welt gerichtet, die sich gegen Gott stellt (Johannes 12,31), und in seiner Auferstehung beginnt eine neue Welt.
Da wir nun in Jesus gerecht gemacht sind, haben wir endlich die Gnade, die nötig ist, um ein Leben zu führen, das diese letzten fünf Gebote wirklich hält. Wegen der Liebe, die Christus uns erwiesen hat, und weil sein Geist in uns lebt, können wir Menschen werden, die das Leben schützen, ihrem Ehepartner die Treue halten, die Wahrheit sagen, großzügig geben und sich weigern zu begehren. Und wenn diese gerechte und barmherzige Liebe von Jesus in uns Wurzeln schlägt, wird sie in den Gesellschaften sichtbar, in denen wir leben, und zieht andere zu dem Gott hin, der das Böse aufdeckt und es zugleich heilt (1. Petrus 2,12).
Sieh selbst
Ich bete, dass der Heilige Geist dir die Augen öffnet, damit du den Gott siehst, der die Unschuldigen schützt und die Schuldigen richtet. Und mögest du Jesus als den sehen, der die Sünde getötet hat, indem er sie ans Kreuz hängte, damit ich stattdessen für die Rechtschaffenheit leben kann.

